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Säuglinge (0-1 Jahr)

Dr. Constanze Lohse
über die Ernährung im ersten
Lebensjahr

Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie begleitet Sie durch die wichtigsten Phasen der Babyernährung – von der Milch bis zum ersten Brei.
Das erste Jahr prägt den Geschmack für das ganze Leben. Kein Stress bei der Beikost: Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Wichtig ist Geduld, Vielfalt und Liebe beim Füttern.
1
Muttermilch oder Pre-Nahrung: Die Basis im 1. Jahr
Warum: Im ersten Lebensjahr bleibt Milch die wichtigste Nährstoffquelle. Sie liefert Energie, Flüssigkeit und Calcium. Stillen ist optimal, aber Pre-Nahrung ist eine hochwertige Alternative.
Wie: Nach Bedarf füttern (Ad libitum).
KONKRET
Füttern Sie Pre-Milch oder stillen Sie, so oft das Baby möchte. Lassen Sie sich nicht auf starre Zeitpläne ("nur alle 4 Stunden") ein. Das Baby weiß, wann es Hunger hat.
2
Vitamin D & Fluorid: Wichtige Supplemente
Warum: Muttermilch enthält zu wenig Vitamin D. Babys brauchen es aber dringend für den Knochenbau (Rachitis-Prophylaxe). Fluorid schützt die kommenden Zähne.
Wie: Täglich eine Tablette oder Tropfen.
KONKRET
Geben Sie die Vitamin-D-Tablette (meist Kombi mit Fluorid) auf einem Löffel mit etwas Milch oder Wasser vor einer Mahlzeit. Das sollte Routine bis zum 2. Lebensjahr sein.
3
Beikost-Start: Der richtige Zeitpunkt (5-7 Monate)
Warum: Ab ca. 6 Monaten reichen die Nährstoffe der Milch allein nicht mehr aus (v.a. Eisen). Der Darm ist nun reif für Anderes. Zu früher Start belastet die Nieren, zu später Start fördert Mangel.
Wie: Achten Sie auf Reifezeichen.
KONKRET
Starten Sie, wenn das Baby den Kopf halten kann, den Zungenstoßreflex verloren hat und Interesse am Essen zeigt. Das ist meist zwischen dem 5. und 7. Monat der Fall.
4
Gemüse pur: Geschmack prägen
Warum: Babys mögen von Natur aus Süßes. Wenn Sie mit Obstbrei oder Karotte starten, lehnen sie später herbes Gemüse oft ab.
Wie: Starten Sie mit Pastinake, Kürbis oder Brokkoli.
KONKRET
Füttern Sie die ersten Tage nur eine reine Gemüsesorte (z.B. Pastinake) mittags vor der Milch. So lernt das Baby den unverfälschten Geschmack kennen.
5
Eisenversorgung: Fleisch & Haferflocken
Warum: Nach 6 Monaten sind die Eisenspeicher, die das Baby bei der Geburt mitbekommen hat, leer. Eisen ist essenziell für die Blutbildung und Gehirnentwicklung.
Wie: Mageres Rindfleisch oder Hafer/Hirse.
KONKRET
Mischen Sie 3-4 Mal pro Woche püriertes Fleisch in den Gemüsebrei. Für vegetarische Babys: Haferflocken nutzen und immer etwas Vitamin C (O-Saft) zugeben, damit das Eisen aufgenommen wird.
6
Beikost-Öl: Fett für das Gehirn
Warum: Babys brauchen viel Energie für das schnelle Wachstum, haben aber einen kleinen Magen. Fett liefert Kalorien und ist wichtig für die Entwicklung des Nervensystems.
Wie: Rapsöl in jeden Brei.
KONKRET
Rühren Sie in jeden selbstgekochten oder gekauften Brei (ca. 200g) zusätzlich 1 Esslöffel raffiniertes Rapsöl. Das hilft auch bei der Aufnahme fettlöslicher Vitamine.
7
Wasser trinken: Ab der 3. Breimahlzeit
Warum: Solange das Baby fast nur Milch trinkt, braucht es kein Wasser. Erst wenn die feste Nahrung zunimmt, benötigen die Nieren zusätzliche Flüssigkeit.
Wie: Wasser aus dem Becher anbieten.
KONKRET
Bieten Sie zu jedem Brei etwas Leitungswasser (oder stilles Wasser) an. Nutzen Sie einen normalen Becher oder Magic Cup, keine Nuckelflasche (Kariesgefahr!). Anfangs wird mehr gespielt als getrunken – das ist okay.
8
Allergieprävention: Vielfalt statt Verzicht
Warum: Früher riet man, Allergene zu meiden. Heute weiß man: Der frühe Kontakt mit Fisch, Ei oder Erdnuss (als Mus) im 1. Lebensjahr trainiert das Immunsystem und senkt das Allergierisiko.
Wie: Alles probieren lassen (außer Honig/Salz).
KONKRET
Geben Sie kleine Mengen Fisch oder ein hartgekochtes Ei in den Brei. Wenn keine Reaktion erfolgt, regelmäßig füttern. Nur bei schweren familiären Vorbelastungen den Arzt fragen.
9
Konsistenzen: Vom Brei zum Familientisch
Warum: Kauen trainiert die Mundmuskulatur und ist wichtig für die Sprachentwicklung. Zu langes Pürieren macht faul.
Wie: Ab dem 8./9. Monat stückiger werden.
KONKRET
Zerdrücken Sie Kartoffeln nur noch mit der Gabel statt sie zu pürieren. Geben Sie dem Baby eine weiche Brotrinde oder gedünstetes Gemüse in die Hand (Fingerfood), damit es selbstständig essen lernt.
10
Selbstregulation: Das Baby ist der Chef
Warum: Gesunde Kinder haben ein perfektes Sättigungsgefühl. Wenn wir sie zum Aufessen zwingen ("Ein Löffelchen für Oma"), verlernen sie dieses Gefühl. Das führt später zu Übergewicht.
Wie: Sie bestimmen WAS, das Kind WIE VIEL.
KONKRET
Wenn das Baby den Kopf wegdreht oder den Mund zulässt, ist die Mahlzeit beendet. Egal, wie voll der Teller noch ist. Vertrauen Sie Ihrem Kind.
1
Schlafrhythmus: Tag und Nacht lernen
Warum: Neugeborene haben keinen Tag-Nacht-Rhythmus. Sie müssen erst lernen, wann Schlafenszeit ist.
Wie: Tagsüber hell & laut, nachts dunkel & leise.
KONKRET
Machen Sie nachts beim Wickeln kein Festtagslicht an und spielen Sie nicht. Signalisieren Sie: Jetzt ist Ruhezeit.
2
Körperkontakt: Bonding & Sicherheit
Warum: Hautkontakt schüttet Oxytocin aus. Das beruhigt das Baby, fördert die Hirnentwicklung und stärkt die Bindung zu den Eltern.
Wie: Tragen, Kuscheln, Babymassage.
KONKRET
Nutzen Sie ein Tragetuch. Ein Baby kann man im ersten Jahr nicht "verwöhnen" – Nähe ist ein Grundbedürfnis wie Essen.
3
Frische Luft: Immunsystem trainieren
Warum: Sauerstoff und Temperaturreize stärken die Abwehrkräfte. Zudem schlafen Babys an der frischen Luft oft besser.
Wie: Täglich raus, bei fast jedem Wetter.
KONKRET
Solange es nicht stürmt oder extrem friert (-10°C): Packen Sie das Baby warm ein und gehen Sie spazieren. Nutzen Sie den "Zwiebel-Look".
4
Routinen schaffen: Sicherheit geben
Warum: Babys lieben Vorhersehbarkeit. Ein fester Ablauf gibt ihnen Orientierung und hilft beim Einschlafen.
Wie: Immer gleiche Abläufe am Abend.
KONKRET
Führen Sie ein Abendritual ein: Baden, Schlafanzug, Lied singen, Bett. Wiederholen Sie das jeden Tag zur gleichen Zeit.
5
Bauchlage üben: Motorik fördern
Warum: Die Bauchlage (unter Aufsicht!) stärkt die Nacken- und Rückenmuskulatur. Das ist die Voraussetzung fürs Drehen, Krabbeln und Sitzen.
Wie: Mehrmals täglich für kurze Zeit.
KONKRET
Legen Sie das wache Baby auf den Bauch. Legen Sie ein Spielzeug vor seine Nase, um es zum Kopfheben zu animieren.
6
Bildschirmfrei: Gehirn schützen
Warum: Das Babygehirn kann schnelle Bildwechsel nicht verarbeiten. TV und Handy überreizen das Kind und können zu Schlafstörungen führen.
Wie: 0 Minuten Screen-Time im 1. Jahr.
KONKRET
Vermeiden Sie es, das Baby vor den Fernseher oder das Tablet zu setzen. Auch "Hintergrund-TV" stört die Konzentration des Kindes beim Spielen.
7
Sicherheit: Umgebung "babysicher" machen
Warum: Sobald das Baby rollt oder robbt, lauern Gefahren. Unfälle im Haushalt sind das größte Risiko.
Wie: Perspektivwechsel auf den Boden.
KONKRET
Legen Sie sich selbst auf den Boden: Wo sind Steckdosen? Wo hängen Kabel runter? Sichern Sie Treppen und Schränke mit Putzmitteln.
8
Sprachentwicklung: Viel reden
Warum: Das Baby lernt Sprache durch Zuhören. Je mehr Sie mit ihm sprechen, desto besser vernetzen sich die Sprachzentren.
Wie: Kommentieren Sie Ihren Alltag.
KONKRET
Erzählen Sie, was Sie tun: "Jetzt ziehen wir die Socken an", "Guck mal, ein rotes Auto". Lesen Sie schon früh Bilderbücher vor.
9
Zahnpflege: Ab dem 1. Zahn
Warum: Milchzähne sind Platzhalter für die bleibenden Zähne. Karies kann schon bei Babys entstehen ("Nuckelflaschenkaries").
Wie: 1x täglich putzen.
KONKRET
Nutzen Sie eine weiche Babyzahnbürste oder einen Fingerling. Gewöhnen Sie das Kind spielerisch an das Putzen, sobald die erste Spitze durchblitzt.
10
Gelassenheit: Kein Vergleich
Warum: Jedes Kind entwickelt sich anders. Vergleiche mit anderen Babys ("Der kann schon krabbeln!") erzeugen nur Druck bei den Eltern.
Wie: Vertrauen Sie Ihrem Kind.
KONKRET
Solange der Kinderarzt bei der U-Untersuchung zufrieden ist, ist alles okay. Genießen Sie die Zeit, sie vergeht schnell genug.
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Honig im 1. Jahr: Lebensgefahr
Das Problem: Honig kann Bakterien enthalten, die im unreifen Darm Gifte bilden (Säuglingsbotulismus). Das kann zu Lähmungen führen.
Die Lösung: Kein Honig, auch nicht am Schnuller.
KONKRET
Warten Sie bis zum 1. Geburtstag. Ahornsirup oder Backen ist okay, aber roher Honig ist tabu.
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Salz im Brei: Nierenbelastung
Das Problem: Babynieren können Salz noch nicht gut verarbeiten. Zu viel Salz schadet ihnen. Wir Erwachsenen finden den Brei fad, das Baby nicht.
Die Lösung: Nicht nachwürzen.
KONKRET
Kochen Sie ohne Salz. Nehmen Sie die Portion fürs Baby ab und würzen Sie erst dann für sich selbst nach.
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Ganze Nüsse & Trauben: Erstickungsgefahr
Das Problem: Harte, kleine, runde Lebensmittel können in die Luftröhre rutschen.
Die Lösung: Mahlen oder vierteln.
KONKRET
Nüsse nur gemahlen oder als Mus geben. Trauben und Kirschtomaten immer der Länge nach vierteln.
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Kuhmilch als Getränk: Zu viel Protein
Das Problem: Kuhmilch hat zu viel Eiweiß für Babynieren. Als Zutat im Brei (max. 200ml/Tag) ist sie ab 6 Monaten okay, aber nicht pur in der Flasche.
Die Lösung: Pre-Milch oder Muttermilch.
KONKRET
Geben Sie Kuhmilch im 1. Jahr nur verarbeitet im Abendbrei, nicht als Durstlöscher.
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Zucker zusetzen: Süßgewöhnung
Das Problem: Babys brauchen keinen Zucker. Kekse, Pudding oder gesüßte Tees prägen den Geschmack auf "süß" und fördern Karies.
Die Lösung: Natürliche Süße.
KONKRET
Obst ist süß genug. Vermeiden Sie spezielle "Babykekse", die oft viel Zucker enthalten.
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Zwang beim Essen: Essstörung
Das Problem: "Ein Löffelchen für Mama..." – Ablenkung oder Zwang übergehen das natürliche Sättigungsgefühl des Kindes.
Die Lösung: Akzeptanz.
KONKRET
Wenn das Baby den Mund zulässt, ist Schluss. Kein Flugzeug-Spiel, kein Überreden.
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Fettarm füttern: Energie fehlt
Das Problem: Erwachsene wollen oft Fett sparen, Babys brauchen es aber dringend für das Gehirn und Wachstum. Gemüsebrei allein hat zu wenig Kalorien.
Die Lösung: Beikostöl.
KONKRET
Vergessen Sie nie den Löffel Rapsöl im Brei.
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Saft in der Nuckelflasche: Karies
Das Problem: Dauernuckeln an Saft oder gesüßtem Tee umspült die Zähne ständig mit Säure und Zucker. Das zerstört die Milchzähne sofort.
Die Lösung: Wasser aus dem Becher.
KONKRET
Flasche nur für Milch/Wasser zum zügigen Trinken, nicht zur Beruhigung.
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Hygiene-Wahn: Allergien
Das Problem: Ein zu steriles Umfeld trainiert das Immunsystem nicht. Das kann Allergien fördern.
Die Lösung: Normaler Dreck.
KONKRET
Der Schnuller darf mal runterfallen (zuhause) und abgewaschen werden. Desinfektionsmittel sind meist unnötig.
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Zu viele Produkte durcheinander: Überforderung
Das Problem: Wer jeden Tag ein neues Gemüse einführt, überfordert die Verdauung und kann Unverträglichkeiten nicht zuordnen.
Die Lösung: Geduld.
KONKRET
Führen Sie neue Lebensmittel im Abstand von 2-3 Tagen ein.