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Kleinkinder (1-3 Jahre)

Dr. Constanze Lohse
über das Entdecken der
bunten Familienkost

Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie zeigt, wie Kleinkinder den Spaß am Essen finden, warum "Nein" sagen normal ist und wie Sie den Familientisch stressfrei gestalten.
Kleinkinder wollen essen wie die Großen. Das ist die Chance, den Speiseplan der ganzen Familie zu verbessern. Wenn Sie Brokkoli mit Genuss essen, wird Ihr Kind es irgendwann nachmachen – versprochen.
1
Der Familientisch: Gemeinsam schmeckt es besser
Warum: Kinder lernen durch Nachahmung. Wenn sie sehen, dass Eltern und Geschwister das Gleiche essen, steigt die Akzeptanz. Extrawürste machen das Kochen stressig und das Kind wählerisch.
Wie: Ein Essen für alle, mild gewürzt.
KONKRET
Kochen Sie salzarm und stellen Sie Salz und Pfeffer für die Erwachsenen auf den Tisch. Schneiden Sie das Essen für das Kleinkind klein, aber pürieren Sie nicht mehr.
2
Vielfalt anbieten: 10 bis 15 Versuche
Warum: "Mag ich nicht" heißt oft nur "Kenn ich nicht". Kleinkinder haben eine natürliche Skepsis gegenüber Neuem (Neophobie). Es braucht oft 10-15 Kontakte, bis ein Lebensmittel akzeptiert wird.
Wie: Immer wieder probieren lassen, ohne Zwang.
KONKRET
Stellen Sie den Brokkoli einfach immer wieder auf den Tisch. Bieten Sie ihn mal gedünstet, mal als Püree oder als Bratling an. Irgendwann greift das Kind zu.
3
Verstecktes Gemüse: Die Soßen-Taktik
Warum: In Phasen, in denen das Kind jedes sichtbare Stück Gemüse aussortiert, sichern Sie so die Vitaminversorgung. Das entlastet Ihr Gewissen und vermeidet Streit am Tisch.
Wie: Pürieren Sie Gemüse in die Nudelsoße.
KONKRET
Mixen Sie gekochte Möhren, Zucchini oder Paprika fein und mischen Sie sie unter die Tomatensoße. Das nennt man "Moogeln" – und es ist erlaubt!
4
Eisen-Power: Fleisch & Hafer
Warum: Eisen ist essenziell für die Blutbildung und die geistige Entwicklung. Kleinkinder haben einen hohen Bedarf durch das Wachstum.
Wie: 2-3 Mal Fleisch pro Woche oder eisenreiches Getreide.
KONKRET
Bieten Sie feines Hackfleisch oder Leberwurst (in Maßen) an. Wenn vegetarisch: Haferflocken oder Hirse mit Vitamin C (O-Saft, Paprika) kombinieren, das verbessert die Aufnahme.
5
Calcium für die Knochen: Milch & Käse
Warum: Im Kleinkindalter wachsen die Knochen und Zähne rasant. Calcium ist der wichtigste Baustein.
Wie: Ca. 300-330ml Milch(produkte) pro Tag.
KONKRET
Ein kleines Glas Milch zum Frühstück, ein Joghurt am Nachmittag und eine Scheibe Käse am Abend decken den Bedarf. Mehr sollte es nicht sein (Eiweißbelastung).
6
Wasser trinken: Das Hauptgetränk
Warum: Kleinkinder bewegen sich viel und vergessen oft das Trinken. Süße Säfte oder Limonaden gewöhnen an Zucker und schaden den Zähnen.
Wie: Wasser zu jeder Mahlzeit und zwischendurch.
KONKRET
Stellen Sie einen bunten Becher oder eine Trinkflasche immer griffbereit in Sichtweite. Seien Sie Vorbild und trinken Sie selbst Wasser.
7
Fett nicht verteufeln: Energie fürs Hirn
Warum: Kleinkinder haben einen höheren Energiebedarf pro kg Körpergewicht als Erwachsene. Fett ist wichtig für die Gehirnentwicklung. "Low Fat" ist für Kinder falsch.
Wie: Hochwertige Pflanzenöle, Butter, Nüsse (gemahlen).
KONKRET
Geben Sie einen Schuss Rapsöl an das Gemüse. Butter aufs Brot ist völlig in Ordnung. Avocado und Mandelmus sind super Snacks.
8
Zucker und Salz: Weniger ist mehr
Warum: Die Nieren sind noch empfindlich (Salz). Zucker fördert Karies und prägt den Geschmack auf "süß".
Wie: Sparsam salzen, Süßigkeiten begrenzen.
KONKRET
Würzen Sie mit Kräutern statt mit Salz. Als Süßigkeit eignet sich Obst. Echte Süßigkeiten (Schokolade, Gummibärchen) sollten die Ausnahme bleiben, nicht die Regel.
9
Gesunde Snacks: Gegen das Energieloch
Warum: Kleinkinder haben kleine Mägen und brauchen 5 kleinere Mahlzeiten am Tag (3 Hauptmahlzeiten + 2 Snacks), um ihren Energiebedarf zu decken.
Wie: Obst, Gemüse, Joghurt oder Vollkornbrot.
KONKRET
Schneiden Sie Apfelschnitze, Gurkenscheiben oder geben Sie einen Naturjoghurt. Vermeiden Sie Kekse oder Riegel als Standard-Zwischenmahlzeit.
10
Textur und Kauen: Mundmotorik trainieren
Warum: Kauen ist wichtig für die Kieferentwicklung und Sprache. Wer zu lange Brei isst, wird "kaufaul".
Wie: Verschiedene Konsistenzen anbieten (knackig, weich, stückig).
KONKRET
Geben Sie rohe Paprika oder Möhrenstifte zum Knabbern (unter Aufsicht). Brot mit Rinde stärkt die Kaumuskeln mehr als weicher Toast.
1
Rituale schaffen: Essen als Ruhepol
Warum: Kleinkinder lieben Struktur. Gemeinsame Mahlzeiten am Tisch geben Sicherheit und fördern das Sozialverhalten.
Wie: Mindestens eine Mahlzeit am Tag alle zusammen.
KONKRET
Führen Sie einen Tischspruch oder ein Start-Ritual ein ("Guten Appetit"). Bleiben Sie sitzen, bis alle (oder zumindest das Kind) fertig sind.
2
Kein Druck: Verantwortung teilen
Warum: Zwang erzeugt Gegendruck. Das Kind entscheidet, wie viel es isst. Sie entscheiden, was auf den Tisch kommt.
Wie: Division of Responsibility (nach E. Satter).
KONKRET
Kommentieren Sie die Menge nicht. Loben Sie nicht fürs Aufessen ("Fein gemacht") und schimpfen Sie nicht, wenn was liegen bleibt. Essen ist keine Leistung.
3
Vorbild sein: Taten zählen mehr als Worte
Warum: Sie können nicht erwarten, dass Ihr Kind Gemüse isst, wenn Sie selbst Pommes essen. Kinder spiegeln das Verhalten der Eltern.
Wie: Essen Sie mit Genuss Gemüse vor den Augen des Kindes.
KONKRET
Sagen Sie: "Mmmh, die Erbsen sind heute aber lecker süß", statt "Du musst das Gemüse essen, das ist gesund."
4
Kleckern erlauben: Mit allen Sinnen essen
Warum: Essen begreifen (im Wortsinn) gehört zur Entwicklung. Matschen und Anfassen fördert die Akzeptanz und die Feinmotorik.
Wie: Entspannen Sie sich.
KONKRET
Legen Sie eine Plane unter den Hochstuhl. Lassen Sie das Kind mit den Händen essen oder den Löffel selbst führen, auch wenn viel daneben geht.
5
Ausreichend Schlaf: Wachstum braucht Ruhe
Warum: Im Schlaf werden Wachstumshormone ausgeschüttet und das Immunsystem gestärkt. Übermüdete Kinder essen schlechter und sind quengelig.
Wie: Feste Schlafzeiten (ca. 11-14 Stunden Bedarf).
KONKRET
Ein Mittagsschlaf ist in diesem Alter noch wichtig. Achten Sie auf Müdigkeitszeichen (Augen reiben) und bringen Sie das Kind rechtzeitig ins Bett.
6
Bewegung: Jeden Tag raus
Warum: Bewegung fördert die motorische Entwicklung, macht hungrig und hilft beim Schlafen.
Wie: Spielplatz, Wald, Laufrad.
KONKRET
Lassen Sie das Kind laufen, statt es im Buggy zu schieben. Pfützen springen, klettern und rennen sind das beste Training.
7
Frische Luft: Immunsystem stärken
Warum: Heizungsluft trocknet die Schleimhäute aus und macht anfällig für Infekte. Draußen sein härtet ab.
Wie: "Es gibt kein schlechtes Wetter."
KONKRET
Gehen Sie täglich mindestens eine Stunde raus, auch bei Regen. Matschhose an und los!
8
Zähneputzen: Ritual ohne Diskussion
Warum: Karies an Milchzähnen schädigt auch die bleibenden Zähne. Putzen ist Pflicht, nicht Kür.
Wie: 2x täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta.
KONKRET
Machen Sie es spielerisch (Lied singen, Kitzelattacke), aber seien Sie konsequent. Nachputzen durch die Eltern ist bis ins Schulalter nötig!
9
Geduld haben: Phasen kommen und gehen
Warum: "Ich esse nur Nudeln ohne Soße" – solche Phasen sind normal. Sie testen Grenzen und Autonomie.
Wie: Ruhig bleiben und weiter anbieten.
KONKRET
Machen Sie kein Drama draus. Kochen Sie kein Extra-Essen. Wenn das Kind nur Nudeln isst, ist das für eine Woche okay. Bieten Sie trotzdem immer wieder Gemüse an.
10
Selbstständigkeit fördern: "Selber machen!"
Warum: Kleinkinder wollen Autonomie. Wenn sie selbst löffeln oder trinken dürfen, essen sie oft besser und stolzer.
Wie: Kindgerechtes Besteck und Geschirr.
KONKRET
Geben Sie dem Kind einen eigenen Löffel, auch wenn Sie noch zufüttern. Lassen Sie es aus einem kleinen Becher trinken (keine Schnabeltasse).
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Zum Essen zwingen: "Der Teller wird leer gegessen"
Das Problem: Zwang zerstört das natürliche Sättigungsgefühl und verknüpft Essen mit negativen Gefühlen. Das kann zu Essstörungen oder Übergewicht führen.
Die Lösung: Kind entscheiden lassen.
KONKRET
Akzeptieren Sie ein "Ich bin satt", auch nach zwei Löffeln. Kein Überreden, keine Tricks.
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Süße Getränke geben: Zuckerfalle
Das Problem: Saft, Eistee oder Limo gewöhnen das Kind an "süß" und liefern leere Kalorien. Oft ist das Kind dann zu satt für richtiges Essen.
Die Lösung: Wasser.
KONKRET
Wasser ist der einzige Durstlöscher. Saftschorle (1:4) nur als Ausnahme zum Essen, nicht für den Durst zwischendurch.
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Zu viel Salz: Erwachsenen-Geschmack
Das Problem: Fertigprodukte (Pizza, Wurst) enthalten viel zu viel Salz für kleine Nieren. Auch starkes Nachsalzen am Tisch ist problematisch.
Die Lösung: Kräuter.
KONKRET
Kochen Sie frisch und salzarm. Nutzen Sie Kräuter für den Geschmack. Vermeiden Sie Fertiggerichte.
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Essen als Belohnung/Strafe: Falsche Verknüpfung
Das Problem: "Wenn du lieb bist, kriegst du ein Eis" oder "Wenn du nicht aufisst, gibt es kein Fernsehen". Das macht Essen zum Machtinstrument.
Die Lösung: Essen ist neutral.
KONKRET
Trösten und belohnen Sie mit Zeit, Kuscheln oder einem Spiel, niemals mit Süßigkeiten.
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Extrawürste kochen: Der "Kinder-Koch"
Das Problem: Wenn das Kind immer Nudeln bekommt, wenn es das Gemüse verweigert, wird es nie Neues probieren. Das fördert wählerisches Verhalten ("Picky Eater").
Die Lösung: Ein Essen für alle.
KONKRET
Stellen Sie Komponenten auf den Tisch (Nudeln, Soße, Gemüse getrennt). Das Kind kann sich nehmen, was es mag. Wer nichts mag, isst trockenes Brot.
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Dauer-Snacken: Zähne in Gefahr
Das Problem: Wer den ganzen Tag Reiswaffeln, Quetschies oder Kekse isst, hat keinen Hunger zu den Hauptmahlzeiten und schadet den Zähnen (Säureangriff).
Die Lösung: Feste Mahlzeiten.
KONKRET
5 Mahlzeiten am Tag (3 Haupt-, 2 Zwischenmahlzeiten). Dazwischen gibt es nichts (außer Wasser).
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Gefährliche Lebensmittel: Erstickungsgefahr
Das Problem: Ganze Nüsse, Weintrauben, Cocktailtomaten oder harte Bonbons können die Luftröhre verschließen.
Die Lösung: Kleinschneiden.
KONKRET
Trauben und Tomaten IMMER der Länge nach vierteln. Nüsse nur gemahlen geben.
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Zu viel Milch: Eisenmangel
Das Problem: Wenn Kinder sich an Milch "satt trinken" (über 300-400ml), essen sie weniger festes Essen. Milch hemmt zudem die Eisenaufnahme.
Die Lösung: Milch begrenzen.
KONKRET
Maximal 330ml Milch/Milchprodukte am Tag. Milch ist ein Essen, kein Getränk!
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Ablenkung beim Essen: TV & Tablet
Das Problem: Wer vor dem Bildschirm isst, spürt nicht, wann er satt ist und isst mechanisch weiter. Das fördert Übergewicht.
Die Lösung: Medien aus.
KONKRET
Am Esstisch gibt es keine Handys oder Fernseher. Konzentrieren Sie sich auf das Essen und das Gespräch.
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Vergleichen mit anderen: Stress
Das Problem: "Der Max isst schon alles, meine Anna nur Nudeln." Jedes Kind ist anders. Druck hilft nicht.
Die Lösung: Entspannung.
KONKRET
Solange das Kind wächst und fit ist, holt es sich, was es braucht. Vertrauen Sie der Natur.