Dr. Constanze Lohse
über den elastischen
und gesunden Darm
Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie erklärt, wie Sie mit der richtigen Ernährung kleine Ausstülpungen (Divertikel) ruhig halten und schmerzhafte Entzündungen verhindern.
Divertikulose ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Solange die Ausstülpungen sauber und entzündungsfrei bleiben, haben Sie keine Beschwerden. Wir müssen den Darm nur gut "durchfegen".
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Ballaststoffe sind Pflicht:
Der natürliche Besen
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Ballaststoffe sind Pflicht:Der natürliche Besen
Warum: Divertikel entstehen durch hohen Innendruck im Darm, oft wegen Verstopfung. Ballaststoffe machen den Stuhl weich und voluminös, sodass er leicht durch den Darm gleitet. Das senkt den Druck und verhindert, dass Kot in den Ausstülpungen hängen bleibt.
Wie: Steigern Sie die Menge langsam auf 30-40g pro Tag.
KONKRET
Essen Sie Vollkornbrot statt Weißbrot, Haferflocken statt Cornflakes. Wichtig: Steigern Sie die Menge langsam über 2-3 Wochen, damit sich der Darm daran gewöhnt und nicht bläht.
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Flüssigkeit:
Das Quellmittel
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Flüssigkeit:Das Quellmittel
Warum: Ballaststoffe wirken wie ein Schwamm: Sie saugen Wasser auf. Wenn Sie viel Ballaststoffe essen, aber wenig trinken, entsteht ein harter Klumpen, der Verstopfung (und damit Divertikel) noch verschlimmert.
Wie: Mindestens 2 bis 2,5 Liter Wasser oder Tee täglich.
KONKRET
Stellen Sie sich überall Wasser bereit. Trinken Sie zu jeder ballaststoffreichen Mahlzeit (z.B. Müsli) ein extra großes Glas Wasser. Ohne Wasser wirkt der "Besen" nicht.
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Körner & Nüsse:
Erlaubt und wichtig!
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Körner & Nüsse:Erlaubt und wichtig!
Warum: Früher hieß es, Kerne (Tomaten, Gurken, Nüsse) würden in den Divertikeln stecken bleiben und Entzündungen auslösen. Das ist medizinisch widerlegt! Nüsse und Kerne sind gesund und trainieren den Darm. Sie müssen sie nur gut kauen.
Wie: Essen Sie Tomaten mit Kernen, Beeren und Nüsse.
KONKRET
Kauen Sie Nüsse und Saaten sehr gründlich zu einem Brei. Nur im akuten Entzündungsschub (Divertikulitis) sollten Sie kurzzeitig auf Körner verzichten. In der Ruhephase sind sie Pflicht.
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Flohsamenschalen:
Der sanfte Weichmacher
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Flohsamenschalen:Der sanfte Weichmacher
Warum: Indische Flohsamenschalen (Psyllium) quellen extrem stark auf und bilden einen Schleim, der den Stuhl gleitfähig macht. Sie regulieren die Verdauung sanft, ohne zu blähen wie andere Ballaststoffe.
Wie: Täglich 1 Teelöffel in Wasser gerührt.
KONKRET
Rühren Sie die Schalen in ein großes Glas Wasser und trinken Sie es zügig (bevor es geliert). Trinken Sie sofort ein zweites Glas Wasser hinterher. Das ist die beste Versicherung gegen Verstopfung.
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Probiotika:
Gute Bakterien füttern
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Probiotika:Gute Bakterien füttern
Warum: Eine gesunde Darmflora hält die Darmwand elastisch und verhindert, dass sich krankmachende Keime in den Divertikeln festsetzen und Entzündungen auslösen.
Wie: Joghurt, Kefir, Sauerkraut (roh).
KONKRET
Essen Sie täglich eine Portion Naturjoghurt oder trinken Sie ein Glas Kefir. Das Milieu im Darm wird saurer, was "schlechte" Fäulnisbakterien verdrängt.
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Rotes Fleisch meiden:
Entzündungsförderer
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Rotes Fleisch meiden:Entzündungsförderer
Warum: Studien zeigen, dass ein hoher Konsum von rotem Fleisch (Rind, Schwein, Lamm) das Risiko für eine Divertikulitis (Entzündung) deutlich erhöht. Es fördert Fäulnisbakterien im Darm.
Wie: Maximal 1x pro Woche rotes Fleisch.
KONKRET
Ersetzen Sie Fleisch durch pflanzliche Proteine (Linsen, Bohnen) oder Fisch und Geflügel. Das entlastet den Darm und senkt das Entzündungsrisiko.
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Pflanzliche Fette:
Schmiermittel
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Pflanzliche Fette:Schmiermittel
Warum: Hochwertige Öle halten den Stuhl geschmeidig und die Darmwand elastisch. Sie wirken wie ein Schmiermittel von innen und verhindern hartes Pressen.
Wie: 1-2 Esslöffel Olivenöl oder Leinöl täglich.
KONKRET
Geben Sie einen Schuss hochwertiges Öl über Ihr gedünstetes Gemüse oder in den Salat. Leinöl wirkt zusätzlich entzündungshemmend.
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Gut kauen:
Vorverdauung ist alles
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Gut kauen:Vorverdauung ist alles
Warum: Verdauung beginnt im Mund. Wer schlingt, schluckt Luft (Blähungen, Druck) und schickt grobe Brocken in den Darm, die dort gären und die Divertikel reizen können.
Wie: 30 Mal kauen pro Bissen.
KONKRET
Machen Sie aus jedem Bissen einen Brei. Wenn Sie Nüsse oder Körner essen, ist das Kauen die wichtigste Regel, damit sie verträglich sind.
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Weniger Zucker:
Gärung vermeiden
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Weniger Zucker:Gärung vermeiden
Warum: Zucker und Weißmehl füttern die "schlechten" Bakterien und Pilze im Darm. Das führt zu Gasbildung und Blähungen. Dieser Innendruck drückt auf die Divertikel.
Wie: Süßigkeiten reduzieren.
KONKRET
Ersetzen Sie den Schokoriegel durch Obst oder Nüsse. Weniger Gase im Bauch bedeuten weniger Schmerzen und weniger Risiko für neue Ausstülpungen.
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Regelmäßigkeit:
Den Darm erziehen
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Regelmäßigkeit:Den Darm erziehen
Warum: Der Darm liebt Routine. Regelmäßige Mahlzeiten sorgen für eine regelmäßige Verdauung und verhindern Verstopfung, die der Hauptfeind bei Divertikulose ist.
Wie: Essen Sie zu festen Zeiten.
KONKRET
Lassen Sie das Frühstück nicht ausfallen. Der "gastrokolische Reflex" am Morgen ist der beste Zeitpunkt für den Stuhlgang. Nutzen Sie diesen natürlichen Impuls.
TOP 10 TIPPS LIFESTYLE
1Bewegung:
Motor für die Peristaltik
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Bewegung:Motor für die Peristaltik
Warum: Eine schlaffe Bauchmuskulatur führt zu einem trägen Darm. Bewegung massiert den Darm von außen und regt die Transportbewegung (Peristaltik) an. Wer sitzt, verstopft.
Wie: 30 Minuten Spaziergang täglich.
KONKRETLaufen, Schwimmen oder Radfahren sind ideal. Jede Erschütterung und Bewegung des Rumpfes hilft dem Darm, den Inhalt weiterzuschieben.
2Nicht unterdrücken:
Sofort gehen
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Nicht unterdrücken:Sofort gehen
Warum: Wenn Sie den Stuhldrang unterdrücken, entzieht der Darm dem Stuhl weiter Wasser. Er wird hart und knollig. Beim nächsten Mal müssen Sie pressen – und genau dieses Pressen erzeugt neue Divertikel.
Wie: Gehen Sie, sobald der Körper das Signal gibt.
KONKRETIgnorieren Sie den Drang nicht, weil Sie gerade keine Zeit haben oder nicht zu Hause sind. Gesundheit geht vor Scham.
3Bauchmassage:
Mechanische Hilfe
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Bauchmassage:Mechanische Hilfe
Warum: Man kann den Stuhltransport von außen unterstützen. Die Massage folgt dem Verlauf des Dickdarms und löst festsitzende Luft und Stuhl.
Wie: Im Uhrzeigersinn massieren.
KONKRETLegen Sie sich auf den Rücken. Beginnen Sie rechts unten, streichen Sie hoch zum Rippenbogen, rüber nach links und wieder runter. 5 Minuten täglich wirken Wunder.
4Gewicht reduzieren:
Bauchfett drückt
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Gewicht reduzieren:Bauchfett drückt
Warum: Übergewicht und ein großer Bauchumfang erhöhen den Druck im Bauchraum (intraabdomineller Druck). Dieser Druck lastet permanent auf dem Darm und fördert Ausstülpungen.
Wie: Streben Sie Normalgewicht an.
KONKRETFokussieren Sie sich auf das Viszeralfett. Schon ein paar Kilo weniger entlasten den Darm mechanisch und senken Entzündungswerte.
5Rauchstopp:
Nikotin schwächt das Gewebe
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Rauchstopp:Nikotin schwächt das Gewebe
Warum: Rauchen verschlechtert die Durchblutung der Darmwand und schwächt das Bindegewebe. Ein schwaches Bindegewebe gibt dem Druck schneller nach – Divertikel entstehen leichter.
Wie: Hören Sie auf zu rauchen.
KONKRETRaucher haben ein deutlich höheres Risiko für Komplikationen (Darmdurchbruch) bei Divertikulitis. Der Rauchstopp ist aktiver Darmwand-Schutz.
6Stress reduzieren:
Der nervöse Darm
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Stress reduzieren:Der nervöse Darm
Warum: Stress führt über die Darm-Hirn-Achse zu Verkrampfungen im Bauch. Krämpfe erhöhen den Druck im Darm. Entspannung hält den Darm locker.
Wie: Progressive Muskelentspannung.
KONKRETWenn Sie Stress haben und Bauchweh bekommen, machen Sie eine bewusste Pause. Atmen Sie tief in den Bauch ("Ballonatmung"). Das entspannt auch den Darm.
7Wärme:
Krämpfe lösen
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Wärme:Krämpfe lösen
Warum: Wärme fördert die Durchblutung und löst muskuläre Spannungen im Bauchraum. Ein entspannter Darm transportiert den Inhalt besser.
Wie: Wärmflasche bei leichten Beschwerden.
KONKRETLegen Sie sich mit einer Wärmflasche auf das Sofa, wenn es im linken Unterbauch zwickt. Oft reicht das schon, um eine beginnende Reizung zu beruhigen.
8Kleidung:
Nichts darf einschnüren
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Kleidung:Nichts darf einschnüren
Warum: Enge Hosenbunde oder Gürtel erhöhen den Druck im Bauchraum künstlich. Der Darm wird eingeengt und kann sich nicht frei bewegen.
Wie: Tragen Sie bequeme Kleidung.
KONKRETÖffnen Sie beim Sitzen den Knopf oder tragen Sie zu Hause Jogginghosen. Der Bauch braucht Platz zum Arbeiten.
9Der Toilettenhocker:
Anatomisch korrekt
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Der Toilettenhocker:Anatomisch korrekt
Warum: Unsere modernen Toiletten zwingen uns in eine Sitzhaltung, die den Enddarm abknickt. Wir müssen pressen. In der Hocke ist der Darm gerade, der Stuhl gleitet ohne Druck hinaus.
Wie: Füße auf einen kleinen Hocker stellen.
KONKRETEin einfacher Hocker (ca. 20cm hoch) vor der Toilette simuliert die Hockhaltung. Das reduziert den Druck beim Stuhlgang enorm und schont die Divertikel.
10Vorsorge:
Darmspiegelung
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Vorsorge:Darmspiegelung
Warum: Divertikel sind an sich harmlos, aber man sollte wissen, wie viele man hat und ob sie entzündet sind. Zudem schließt man so andere Erkrankungen aus.
Wie: Regelmäßige Koloskopie ab 50 (oder früher bei Beschwerden).
KONKRETHaben Sie keine Angst vor der Untersuchung. Sie ist schmerzfrei und gibt Ihnen Sicherheit über den Zustand Ihres Darms.
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Angst vor Kernen:
Alter Mythos
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Angst vor Kernen:Alter Mythos
Das Problem: Viele Patienten pulen Tomatenkerne raus oder meiden Erdbeeren, weil sie Angst haben, die Kerne blieben in den Divertikeln stecken. Das ist wissenschaftlich widerlegt.
Die Lösung: Entspannt essen.
KONKRETSie dürfen alles essen, solange Sie gut kauen. Der Verzicht auf gesunde Lebensmittel schadet mehr, als er nützt.
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Zu schnell zu viel Faser:
Blähbauch-Alarm
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Zu schnell zu viel Faser:Blähbauch-Alarm
Das Problem: Wer von heute auf morgen von Weißbrot auf Vollkornschrot umstellt, überfordert seinen Darm. Die Folge sind massive Blähungen und Schmerzen, die fälschlich als Unverträglichkeit gedeutet werden.
Die Lösung: Einschleichen.
KONKRETSteigern Sie die Ballaststoffe langsam über 4 Wochen. Geben Sie den Darmbakterien Zeit, sich anzupassen.
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Trinken vergessen:
Beton im Bauch
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Trinken vergessen:Beton im Bauch
Das Problem: Wer Leinsamen oder Kleie isst, aber zu wenig trinkt, bewirkt das Gegenteil: Der Stuhl wird steinhart ("Pflanzenbeton") und verstopft den Darm erst recht.
Die Lösung: 1:1 Regel.
KONKRETFür jeden Löffel Ballaststoffe müssen Sie ein extra Glas Wasser trinken. Ohne Wasser keine Quellung.
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Abführmittel-Missbrauch:
Der Darm wird faul
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Abführmittel-Missbrauch:Der Darm wird faul
Das Problem: Wer bei Verstopfung sofort zu chemischen Abführmitteln greift, gewöhnt den Darm daran. Er arbeitet selbst nicht mehr, die Verstopfung wird chronisch.
Die Lösung: Natürliche Hilfen.
KONKRETNutzen Sie Flohsamen, Pflaumensaft oder Magnesium, bevor Sie zur Chemie greifen.
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Pressen auf dem Klo:
Druckkammer
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Pressen auf dem Klo:Druckkammer
Das Problem: Starkes Pressen beim Stuhlgang erhöht den Innendruck im Darm massiv. Das ist die Hauptursache für die Entstehung neuer Divertikel.
Die Lösung: Hocker nutzen.
KONKRETLassen Sie sich Zeit. Wenn nichts kommt, stehen Sie auf und bewegen Sie sich, statt zu pressen. Nutzen Sie einen Fußhocker.
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Weißmehl-Falle:
Kleister im Darm
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Weißmehl-Falle:Kleister im Darm
Das Problem: Weißbrot und Nudeln enthalten kaum Ballaststoffe. Sie machen den Stuhl träge und klebrig.
Die Lösung: Vollkorn-Mix.
KONKRETMischen Sie zumindest Vollkornnudeln mit normalen Nudeln. Essen Sie Brot mit hohem Roggenanteil, das hält die Verdauung aktiv.
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Fertigprodukte:
Chemie schadet Schleimhaut
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Fertigprodukte:Chemie schadet Schleimhaut
Das Problem: Emulgatoren und Konservierungsstoffe in Fertigessen können die schützende Schleimschicht im Darm angreifen und Entzündungen begünstigen.
Die Lösung: Selber kochen.
KONKRETKochen Sie einfache Gerichte aus frischen Zutaten. Ihr Darm wird es Ihnen danken.
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Akute Entzündung ignorieren:
Falsche Diät
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Akute Entzündung ignorieren:Falsche Diät
Das Problem: Wer im akuten Schub (Fieber, Schmerzen links unten) weiter Müsli und Vollkorn isst, befeuert die Entzündung. Im Schub gilt: Ballaststoffarme Schonkost!
Die Lösung: Umschalten.
KONKRETUnterscheiden Sie strikt: Ruhephase = viel Faser. Akuter Schub = Suppe, Weißbrot, Tee (keine Fasern).
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Kaugummi:
Luft schlucken
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Kaugummi:Luft schlucken
Das Problem: Kaugummikauen führt zu Aerophagie (Luftschlucken). Diese Luft bläht den Darm auf und erhöht den Innendruck.
Die Lösung: Bonbons lutschen.
KONKRETVerzichten Sie auf Kaugummi, wenn Sie zu Blähungen neigen. Das entlastet den Darm sofort.
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Bewegungsmangel:
Fauler Darm
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Bewegungsmangel:Fauler Darm
Das Problem: Wer nur sitzt, hat eine träge Verdauung. Der Stuhl bleibt länger im Darm, wird härter und drückt mehr.
Die Lösung: Spaziergänge.
KONKRETDer Darm braucht die Erschütterung des Gehens. 30 Minuten täglich sind Pflichtprogramm für Divertikel-Träger.