Hashimoto

Dr. Constanze Lohse
über das Leben
mit Hashimoto

Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie erklärt, warum Hashimoto nicht nur die Schilddrüse betrifft, sondern den ganzen Körper, und wie Sie die Entzündung durch Ernährung stoppen können.
Hashimoto ist wie ein Schwelbrand im Körper. Wir müssen nicht nur Hormone nachfüllen, sondern vor allem die Entzündung löschen und den Darm sanieren.
1
Anti-Entzündlich essen:
Das Feuer löschen
Warum: Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse angreift. Entzündungshemmende Lebensmittel (Omega-3, Antioxidantien) beruhigen das überaktive Immunsystem und können die Antikörper (TPO-AK) senken.
Wie: Integrieren Sie täglich Beeren, grünes Gemüse und hochwertige Öle.
KONKRET
Nehmen Sie täglich einen Esslöffel Leinöl oder Algenöl (reich an Omega-3) zu sich. Kombinieren Sie es mit Quark oder Müsli, aber erhitzen Sie es niemals, da die gesunden Fette sonst zerstört werden.
2
Gluten-Test:
Leaky Gut vermeiden
Warum: Die Eiweißstruktur von Gluten ähnelt der der Schilddrüse ("Molekulare Mimikry"). Bei vielen Hashimoto-Patienten ist die Darmbarriere durchlässig (Leaky Gut). Das Immunsystem greift Gluten an und verwechselt es dabei mit der Schilddrüse.
Wie: Verzichten Sie testweise für 4-6 Wochen komplett auf Weizen, Dinkel und Roggen.
KONKRET
Nutzen Sie glutenfreie Alternativen wie Quinoa, Buchweizen, Reis oder Kartoffeln. Beobachten Sie, ob Müdigkeit und "Brain Fog" (Gehirnnebel) besser werden. Viele Patienten spüren einen enormen Unterschied.
3
Selen-Power:
Der Schilddrüsen-Schutz
Warum: Selen ist essenziell, um das inaktive Hormon T4 in das aktive T3 umzuwandeln. Zudem wirkt es als Antioxidans und schützt das Schilddrüsengewebe vor Zerstörung durch Entzündungsprozesse. Deutschland ist ein Selenmangelgebiet.
Wie: Paranüsse, Kokosnuss oder Fisch.
KONKRET
Essen Sie täglich 1-2 Paranüsse (aus Bio-Anbau). Das deckt oft schon den Tagesbedarf. Lassen Sie Ihren Selenspiegel im Vollblut messen, bevor Sie hochdosierte Tabletten nehmen.
4
Blutzucker stabilisieren:
Insulin stresst die Drüse
Warum: Starke Blutzuckerschwankungen führen zu einer Ausschüttung von Stresshormonen (Cortisol). Cortisol hemmt die Umwandlung von T4 in T3 und fördert Entzündungen. Ein stabiler Blutzucker entlastet das Hormonsystem.
Wie: Essen Sie komplexe Kohlenhydrate, Protein und Fett zu jeder Mahlzeit.
KONKRET
Vermeiden Sie das Frühstück "nur mit Kaffee und Croissant". Starten Sie mit Rührei oder Quark. Das hält den Blutzucker über Stunden stabil und verhindert das Energietief am Vormittag.
5
Goitrogene Gemüse:
Kochen statt roh essen
Warum: Kohl, Brokkoli und Spinat enthalten Goitrogene (kropfbildende Substanzen), die die Jodaufnahme in die Schilddrüse hemmen können. Viele Patienten meiden sie deshalb unnötigerweise.
Wie: Erhitzen Sie diese Gemüsesorten.
KONKRET
Durch Kochen oder Dämpfen werden die Goitrogene weitgehend inaktiviert. Sie müssen auf gesundes Kohlgemüse nicht verzichten, essen Sie es nur nicht in rauen Mengen roh (z.B. als Green Smoothie).
6
Eiweiß für Hormone:
Tyrosin ist der Baustein
Warum: Schilddrüsenhormone bestehen aus Jod und der Aminosäure Tyrosin. Ohne ausreichendes Eiweiß kann der Körper keine Hormone bauen, selbst wenn genug Jod da ist.
Wie: 1-1,2g Protein pro kg Körpergewicht täglich.
KONKRET
Kürbiskerne, Parmesan, Hähnchenbrust und Linsen sind reich an Tyrosin. Integrieren Sie zu jeder Mahlzeit eine Proteinquelle.
7
Darm sanieren:
Das Immunsystem sitzt im Bauch
Warum: 70% der Immunzellen sitzen im Darm. Eine gestörte Darmflora (Dysbiose) und eine durchlässige Darmwand (Leaky Gut) sind Haupttreiber für Autoimmunerkrankungen. Heilung beginnt im Darm.
Wie: Probiotika (fermentiertes Essen) und Präbiotika (Futter für Bakterien).
KONKRET
Essen Sie täglich eine Portion Sauerkraut, Kimchi oder Joghurt. Nutzen Sie Akazienfasern oder Flohsamenschalen als "Futter" für die guten Bakterien.
8
Eisen-Status:
Ohne Ferritin keine Energie
Warum: Die Schilddrüsen-Peroxidase (TPO), ein Schlüsselenzym, ist eisenabhängig. Viele Hashimoto-Patienten (besonders Frauen) haben Eisenmangel, was zu Müdigkeit und Haarausfall führt.
Wie: Rotes Fleisch, Leber oder pflanzliches Eisen mit Vitamin C.
KONKRET
Lassen Sie Ihren Ferritin-Wert (Eisenspeicher) messen. Er sollte idealerweise über 50-70 ng/ml liegen. Kombinieren Sie pflanzliches Eisen (Haferflocken, Linsen) immer mit Vitamin C (Paprika, Orange), um die Aufnahme zu verbessern.
9
Vorsicht bei Soja:
Hemmt die Aufnahme
Warum: Sojaprodukte enthalten Isoflavone, die die Schilddrüsenfunktion hemmen können. Zudem kann Soja die Aufnahme von L-Thyroxin im Darm blockieren.
Wie: Essen Sie Soja nur in Maßen und mit großem Abstand zu Medikamenten.
KONKRET
Halten Sie mindestens 4 Stunden Abstand zwischen der Einnahme Ihrer Schilddrüsentablette und einer sojahaltigen Mahlzeit (Tofu, Sojamilch). Fermentiertes Soja (Miso, Tempeh) ist oft besser verträglich.
10
Wasser trinken:
Stoffwechsel aktivieren
Warum: Der Stoffwechsel bei Hashimoto ist oft verlangsamt. Wasser ist das Transportmittel für alle Nährstoffe und Hormone. Dehydrierung macht müde und bremst die enzymatischen Prozesse noch weiter.
Wie: 2-3 Liter stilles Wasser oder Kräutertee.
KONKRET
Trinken Sie morgens direkt nach dem Aufstehen zwei große Gläser lauwarmes Wasser. Das weckt den Stoffwechsel und die Verdauung auf, noch bevor Sie frühstücken.
1
Stress-Management:
Der größte Feind
Warum: Cortisol (Stresshormon) blockiert die Umwandlung von inaktivem T4 in aktives T3. Bei Dauerstress fühlen Sie sich trotz guter Tabletten-Einstellung müde und schlapp.
Wie: Aktive Entspannung.
KONKRET
Planen Sie "Stress-Detox" fest ein. Meditation, Yoga oder Spaziergänge im Wald sind keine Zeitverschwendung, sondern essenzielle Therapie für Ihre Schilddrüse.
2
Schlaf-Priorität:
Regeneration
Warum: Hashimoto-Patienten brauchen oft mehr Schlaf als Gesunde, da das Immunsystem ständig arbeitet (Entzündung). Schlafmangel erhöht Entzündungsmarker.
Wie: 8 Stunden oder mehr.
KONKRET
Hören Sie auf Ihren Körper. Wenn Sie um 21 Uhr müde sind, gehen Sie ins Bett. Kämpfen Sie nicht gegen die Müdigkeit an.
3
Umweltgifte:
Endokrine Disruptoren
Warum: Stoffe wie Weichmacher (BPA) in Plastik oder Parabene in Kosmetik wirken hormonähnlich und können die empfindliche Schilddrüse stören.
Wie: Glas statt Plastik, Naturkosmetik.
KONKRET
Trinken Sie aus Glasflaschen. Erwärmen Sie Essen nie in Plastikbehältern in der Mikrowelle. Nutzen Sie aluminiumfreies Deo.
4
Sport-Dosierung:
Nicht überfordern
Warum: Extremes HIIT-Training kann den Cortisolspiegel so stark anheben, dass Sie sich tagelang "ausgebrannt" fühlen. Bei Hashimoto ist sanfte Bewegung oft besser.
Wie: Hören Sie auf Ihr Energielevel.
KONKRET
Walken, Schwimmen oder moderates Krafttraining sind ideal. Wenn Sie nach dem Sport fertiger sind als vorher, war es zu viel.
5
Darmcheck:
Leaky Gut erkennen
Warum: Wenn Sie trotz guter Einstellung Symptome haben, liegt die Ursache oft im Darm. Eine durchlässige Darmwand befeuert die Autoimmunreaktion.
Wie: Stuhltest beim Spezialisten.
KONKRET
Lassen Sie Zonulin (Marker für Leaky Gut) testen. Wenn der Wert hoch ist, fokussieren Sie sich auf Darmaufbau (Glutamin, Probiotika).
6
Vitamin D:
Immun-Modulator
Warum: Vitamin D wirkt regulierend auf das Immunsystem und kann helfen, die Autoimmunattacke zu dämpfen. Fast alle Hashimoto-Patienten haben einen Mangel.
Wie: Supplementieren und Sonne.
KONKRET
Zielwert ist 50-70 ng/ml. Nehmen Sie Vitamin D immer zusammen mit Vitamin K2 und Fett ein.
7
Akzeptanz:
Chronisch, nicht akut
Warum: Der Kampf gegen den eigenen Körper ("Warum ich?") erzeugt Stress. Akzeptanz der Diagnose als Begleiter ist der erste Schritt zur Besserung.
Wie: Geduld mit sich haben.
KONKRET
Führen Sie ein Symptomtagebuch. So sehen Sie Fortschritte über Monate, auch wenn Sie mal einen schlechten Tag haben.
8
Temperatur-Management:
Kälteempfindlichkeit
Warum: Durch den verlangsamten Stoffwechsel frieren Hashimoto-Patienten schneller. Kälte ist Stress für den Körper.
Wie: Warm halten.
KONKRET
Trinken Sie warmes Wasser oder Ingwertee. Nutzen Sie Wärmflaschen. Wechselduschen trainieren die Wärmeregulation.
9
Stimme schonen:
Schwellung
Warum: Bei Entzündungsschüben kann die Schilddrüse anschwellen und auf die Stimmbänder drücken (Heiserkeit, Räuspern).
Wie: Hals warm halten, wenig sprechen.
KONKRET
Tragen Sie bei Wind einen Schal. Vermeiden Sie Schreien oder langes Telefonieren an schlechten Tagen.
10
Werte verstehen:
Selbstkompetenz
Warum: Viele Ärzte schauen nur auf den TSH. Für das Wohlbefinden sind aber fT3 und fT4 wichtiger.
Wie: Lassen Sie sich Kopien der Laborwerte geben.
KONKRET
Lernen Sie, Ihre Werte zu lesen. Fühlen Sie sich bei einem TSH von 1,0 besser als bei 2,5? Ihre Symptome sind wichtiger als die Normbereich-Grenze.
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Jod-Exzess:
Feuer ins Öl gießen
Das Problem: Jod ist Brennstoff für die Schilddrüse. Bei einer akuten Entzündung (Schub) oder "heißen Knoten" kann zu viel Jod das Gewebe weiter zerstören. Jodtabletten oder Algen (Sushi) sind oft kontraproduktiv.
Die Lösung: Jodarm, nicht jodfrei.
KONKRET
Verzichten Sie auf Jodtabletten und Kelp-Präparate. Nutzen Sie normales Meersalz statt jodiertes Salz, aber essen Sie weiterhin Seefisch (natürliches Jod) in Maßen.
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Rohkost-Kohl:
Goitrogene Falle
Das Problem: Roher Grünkohl, Brokkoli oder Rosenkohl in Smoothies enthalten Goitrogene, die die Jodaufnahme blockieren. Wer das täglich trinkt, schwächt seine Schilddrüse.
Die Lösung: Erhitzen.
KONKRET
Kochen oder dünsten Sie Kohl immer. Dadurch werden die schädlichen Stoffe inaktiviert, und das Gemüse ist gesund und sicher.
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Kaffee zur Tablette:
Wirkung halbiert
Das Problem: Kaffee, Milch oder Calcium im Wasser verhindern die Aufnahme von L-Thyroxin im Magen. Wer die Tablette mit Kaffee runterspült, nimmt effektiv nur die halbe Dosis auf.
Die Lösung: Nur Wasser.
KONKRET
Nehmen Sie die Tablette mit einem Glas Leitungswasser. Warten Sie mindestens 30 Minuten bis zum ersten Kaffee oder Frühstück.
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Soja und Medikamente:
Abstand vergessen
Das Problem: Sojaeiweiß bindet Schilddrüsenhormone im Darm. Wenn Sie morgens Tofu essen oder Sojamilch trinken, wirkt Ihre Tablette nicht richtig.
Die Lösung: 4 Stunden Abstand.
KONKRET
Verschieben Sie Sojaprodukte auf das Mittag- oder Abendessen. Frühstück sollte sojafrei sein.
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Stress ignorieren:
Das Cortisol-Problem
Das Problem: Viele optimieren ihre Ernährung, haben aber extremen Stress. Cortisol blockiert die Umwandlung von T4 zu T3. Ohne Entspannung nützt die beste Tablette wenig.
Die Lösung: Ruhepausen.
KONKRET
Stressreduktion ist genauso wichtig wie die Hormontablette. Sehen Sie es als Teil der Therapie.
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Nur auf TSH schauen:
Unvollständiges Bild
Das Problem: Viele Ärzte messen nur den TSH-Wert. Wenn der "in der Norm" ist, gilt man als gesund, obwohl man sich krank fühlt. Oft liegt das Problem aber an fT3 und fT4 oder Nährstoffmängeln.
Die Lösung: Vollständiges Labor.
KONKRET
Bestehen Sie auf Messung von fT3, fT4 und den Antikörpern. Lassen Sie auch Eisen (Ferritin), Selen und Vitamin D prüfen.
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Gluten unterschätzen:
Stille Entzündung
Das Problem: Auch ohne Zöliakie kann Gluten bei Hashimoto Entzündungen und "Leaky Gut" fördern. Wer viel Weizen isst, kämpft oft vergeblich gegen Symptome.
Die Lösung: Test-Verzicht.
KONKRET
Probieren Sie 4 Wochen glutenfrei. Wenn es Ihnen besser geht (mehr Energie, weniger Blähbauch), bleiben Sie dabei.
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Tablette vergessen:
Hormon-Achterbahn
Das Problem: L-Thyroxin hat eine lange Halbwertszeit, aber unregelmäßige Einnahme führt zu Schwankungen. Mal eine vergessen ist okay, ständig vergessen ist fatal.
Die Lösung: Routine.
KONKRET
Legen Sie die Tabletten neben die Kaffeemaschine oder Zahnbürste. Stellen Sie einen Wecker. Nehmen Sie eine vergessene Dosis NICHT doppelt am nächsten Tag.
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Selen-Überdosis:
Viel hilft nicht viel
Das Problem: Selen ist wichtig, aber giftig in hohen Dosen (über 200-300mcg dauerhaft). Wer blind hochdosiert supplementiert, riskiert Haarausfall und Nervenschäden.
Die Lösung: Messen und Paranüsse.
KONKRET
2 Paranüsse täglich sind sicher und natürlich. Bei Tabletten: Erst messen, dann schlucken.
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Müdigkeit akzeptieren:
"Ist halt Hashimoto"
Das Problem: Viele Patienten finden sich damit ab, dass sie sich schlecht fühlen. Das muss nicht sein! Bei richtiger Einstellung und Lebensstil können Sie symptomfrei leben.
Die Lösung: Ursachensuche.
KONKRET
Wenn Sie trotz Tabletten müde sind, stimmt etwas nicht (Dosis, Eisenmangel, Nebennierenschwäche). Suchen Sie weiter, geben Sie sich nicht zufrieden.