Dr. Constanze Lohse
über das Leben
ohne Milchzucker
Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg,
spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und
Buchautorin. Sie erklärt, warum Laktoseintoleranz keine Allergie ist
und wie Sie mit kleinen Tricks Milchprodukte oft trotzdem genießen
können.
Laktoseintoleranz ist keine Krankheit, sondern der Normalzustand bei
den meisten Erwachsenen weltweit. Mit dem richtigen Wissen müssen
Sie auf fast nichts verzichten.
1
Der Enzym-Mangel:
Keine Allergie
1
Der Enzym-Mangel:Keine Allergie
Warum: Bei Laktoseintoleranz
fehlt im Dünndarm das Enzym Laktase, das den Milchzucker
spaltet. Die Laktose wandert unverdaut in den Dickdarm, wo
Bakterien sie vergären. Dabei entstehen Gase (Blähungen) und
Wasser wird gezogen (Durchfall). Es ist keine Allergie gegen
Milcheiweiß!
Wie: Sie müssen Laktose meiden
oder das Enzym ersetzen.
KONKRET
Unterscheiden Sie genau: Bei einer Milchallergie ist Milch
tabu. Bei Laktoseintoleranz sind laktosefreie Milchprodukte
völlig okay, da sie das Eiweiß und Calcium enthalten, aber
keinen Zucker.
2
Käse-Geheimnis:
Hartkäse ist sicher
2
Käse-Geheimnis:Hartkäse ist sicher
Warum: Je länger ein Käse
reift, desto mehr Laktose bauen die Milchsäurebakterien ab.
Hartkäse wie Parmesan, Bergkäse oder alter Gouda ist von Natur
aus laktosefrei. Sie müssen keinen teuren "Laktosefrei"-Käse
kaufen.
Wie: Schauen Sie auf die
Kohlenhydrate: 0g Zucker = 0g Laktose.
KONKRET
Faustregel: Alles, was lange gereift ist, geht. Vorsicht bei
Frischkäse, Schmelzkäse oder jungem Weichkäse – hier ist noch
viel Milchzucker enthalten.
3
Der Joghurt-Trick:
Bakterien helfen mit
3
Der Joghurt-Trick:Bakterien helfen mit
Warum: Naturjoghurt enthält
zwar Laktose, aber auch lebende Bakterienkulturen. Diese
Bakterien bringen ihr eigenes Laktase-Enzym mit und helfen im
Darm bei der Verdauung. Viele Betroffene vertragen Joghurt
daher gut.
Wie: Testen Sie vorsichtig
kleine Mengen Naturjoghurt (keinen erhitzten/pasteurisierten).
KONKRET
Lassen Sie den Joghurt nicht allein stehen, sondern essen Sie
ihn zusammen mit einer Mahlzeit. Das verlangsamt die
Magenpassage und gibt den Bakterien mehr Zeit zur Arbeit.
4
Versteckte Laktose:
Wurst und Brot
4
Versteckte Laktose:Wurst und Brot
Warum: Milchzucker ist ein
billiger Füllstoff, Geschmacksträger und sorgt für Bräunung
beim Backen. Er steckt oft in Wurst, Gewürzmischungen, Chips,
Brot und Fertiggerichten, wo man ihn nie vermuten würde.
Wie: Lesen Sie die
Zutatenliste immer (auch bei bekannten Produkten).
KONKRET
Achten Sie auf Begriffe wie: Milchzucker, Laktose,
Süßmolkenpulver, Magermilchpulver. "Milcheiweiß" oder
"Milchsäure" sind dagegen für Laktoseintoleranz unbedenklich.
5
Calcium sichern:
Knochen brauchen Ersatz
5
Calcium sichern:Knochen brauchen Ersatz
Warum: Wer Milchprodukte
meidet, läuft Gefahr, zu wenig Calcium aufzunehmen. Das erhöht
das Risiko für Osteoporose. Sie müssen Calcium aktiv aus
anderen Quellen beziehen.
Wie: Brokkoli, Grünkohl,
Sesam, Mandeln und Mineralwasser.
KONKRET
Kaufen Sie calciumreiches Mineralwasser (mind. 300-400 mg/l).
Das ist die einfachste und kalorienfreiste Quelle. Auch
angereicherte Pflanzendrinks sind gut.
6
Pflanzliche Milch:
Vielfalt statt Verzicht
6
Pflanzliche Milch:Vielfalt statt Verzicht
Warum: Hafer-, Mandel-, Soja-
oder Erbsenmilch sind von Natur aus laktosefrei. Sie bieten
geschmackliche Abwechslung und sind oft besser verträglich als
laktosefreie Kuhmilch (die manchmal süßlich schmeckt).
Wie: Achten Sie darauf, dass
"Calcium" zugesetzt ist.
KONKRET
Hafermilch ist süßlich und gut im Kaffee. Sojamilch ist
proteinreich und gut zum Kochen. Probieren Sie sich durch – es
gibt für jeden Zweck die richtige Alternative.
7
Laktase-Tabletten:
Der Joker für unterwegs
7
Laktase-Tabletten:Der Joker für unterwegs
Warum: Sie können das fehlende
Enzym einfach als Tablette oder Kautablette vor dem Essen
einnehmen. Es spaltet die Laktose im Magen auf, bevor sie
Probleme macht.
Wie: Immer dabei haben für
Restaurantbesuche oder Einladungen.
KONKRET
Die Dosierung (FCC-Einheiten) ist individuell. Starten Sie
lieber mit einer höheren Dosis (z.B. 5000-10000 FCC) und
tasten Sie sich nach unten. Es gibt keine Überdosierung,
überschüssiges Enzym wird verdaut.
8
Dosis macht das Gift:
Nicht alles ist verboten
8
Dosis macht das Gift:Nicht alles ist verboten
Warum: Fast jeder
Laktoseintolerante hat eine gewisse Restaktivität des Enzyms.
Kleine Mengen (z.B. ein Schuss Milch im Kaffee) werden oft
vertragen. Es ist keine Allergie, wo Spuren tödlich sein
können.
Wie: Testen Sie Ihre
persönliche Toleranzgrenze.
KONKRET
Führen Sie ein Ernährungstagebuch. Schreiben Sie auf, wie viel
Milchprodukt Sie gegessen haben und ob Symptome auftraten. So
finden Sie Ihre persönliche "grüne Zone".
9
Butter & Sahne:
Fett statt Zucker
9
Butter & Sahne:Fett statt Zucker
Warum: Laktose ist
wasserlöslich. Je mehr Fett ein Milchprodukt hat, desto
weniger Wasser und damit weniger Laktose enthält es. Butter
besteht fast nur aus Fett und ist praktisch laktosefrei.
Wie: Butter ist meist kein
Problem, Sahne in Maßen auch.
KONKRET
Verwenden Sie echte Butter statt Margarine (die oft
Molkepulver enthält). Auch Sahne zum Kochen wird oft besser
vertragen als Milch, weil der Fettgehalt die Magenentleerung
verlangsamt.
10
Selber kochen:
Kontrolle behalten
10
Selber kochen:Kontrolle behalten
Warum: In der Gastronomie und
bei Fertigprodukten ist Milchzucker allgegenwärtig. Wer frisch
kocht, bestimmt selbst, was in den Topf kommt.
Wie: Nutzen Sie laktosefreie
Basisprodukte (Milch, Sahne).
KONKRET
Kochen Sie auf Vorrat (Meal Prep). Ein selbstgemachtes Curry
mit Kokosmilch ist garantiert sicher und oft leckerer als die
Sahne-Variante aus der Tüte.
TOP 10 TIPPS LIFESTYLE
1
Darmgesundheit:
Probiotika nutzen
1
Darmgesundheit:Probiotika nutzen
Warum: Bestimmte
Darmbakterien können Laktose verarbeiten. Eine gesunde
Darmflora kann die Symptome einer Intoleranz deutlich
abmildern, weil die Bakterien einen Teil der Arbeit
übernehmen.
Wie: Probiotische
Lebensmittel oder Kuren.
KONKRET
Essen Sie Sauerkraut, Kimchi oder trinken Sie Kombucha. Nach
einer Antibiotika-Therapie ist ein Aufbau der Darmflora
besonders wichtig.
2
Symptom-Tagebuch:
Muster erkennen
2
Symptom-Tagebuch:Muster erkennen
Warum: Manchmal ist nicht
die Laktose schuld, sondern Stress, Fruktose oder Sorbit.
Ein Tagebuch hilft, die wirklichen Auslöser zu finden.
Wie: Notieren Sie Essen,
Stresslevel und Beschwerden.
KONKRET
Nutzen Sie eine App oder ein Notizbuch. Oft zeigt sich, dass
der Cappuccino am Morgen okay ist, aber der am Nachmittag
auf nüchternen Magen Probleme macht.
3
Restaurant-Guide:
Mut zum Fragen
3
Restaurant-Guide:Mut zum Fragen
Warum: Köche nutzen oft
Butter oder Sahne zum Verfeinern, wo es nicht auf der Karte
steht. Unwissenheit führt zu Bauchschmerzen.
Wie: Fragen Sie nach der
Allergenkarte oder direkt den Kellner.
KONKRET
Bestellen Sie Soßen "extra" oder bitten Sie, das Fleisch in
Öl statt Butter zu braten. In der asiatischen Küche
(Kokosmilch) sind Sie meist sicher.
4
Stress reduzieren:
Darm-Hirn-Achse
4
Stress reduzieren:Darm-Hirn-Achse
Warum: Stress verschlechtert
die Verdauung und erhöht die Empfindlichkeit des Darms.
Unter Stress reagiert man auf kleine Mengen Laktose oft
heftiger als im Urlaub.
Wie: Entspannung vor dem
Essen.
KONKRET
Atmen Sie vor dem ersten Bissen 3 Mal tief in den Bauch.
Essen Sie langsam. Ein entspannter Darm arbeitet
effizienter.
5
Urlaubsvorbereitung:
Vorbereitet reisen
5
Urlaubsvorbereitung:Vorbereitet reisen
Warum: Im Ausland sind
Inhaltsstoffe oft schwer zu erkennen. Italien und Frankreich
kochen viel mit Käse und Sahne.
Wie: Laktase-Vorrat und
Wörterbuch.
KONKRET
Lernen Sie "Laktosefrei" in der Landessprache oder nutzen
Sie eine Allergie-App. Packen Sie genug Laktase-Tabletten
ins Handgepäck.
6
Medikamente checken:
Laktose als Füllstoff
6
Medikamente checken:Laktose als Füllstoff
Warum: Viele Tabletten
enthalten Laktose als Trägerstoff. Die Mengen sind meist
winzig und werden vertragen, können bei sehr Empfindlichen
aber Probleme machen.
Wie: Fragen Sie in der
Apotheke.
KONKRET
Bitten Sie bei neuen Medikamenten um laktosefreie
Alternativen (z.B. Tropfen statt Tabletten).
7
Bewegung:
Motor für den Darm
7
Bewegung:Motor für den Darm
Warum: Bewegung regt die
Darmperistaltik an. Gase werden schneller abtransportiert,
Blähungen lösen sich besser und Krämpfe werden gelindert.
Wie: Verdauungsspaziergang.
KONKRET
Wenn der Bauch grummelt: Nicht hinlegen! Gehen Sie 15
Minuten locker spazieren. Die sanfte Massage durch die
Bewegung hilft sofort.
8
Wärme hilft:
Krämpfe lösen
8
Wärme hilft:Krämpfe lösen
Warum: Wenn Laktose im Darm
gärt, entstehen Gase, die die Darmwand dehnen. Das
verursacht Krämpfe. Wärme entspannt die Bauchmuskulatur.
Wie: Wärmflasche oder
Kirschkernkissen.
KONKRET
Legen Sie sich bei Beschwerden eine Wärmflasche auf den
Bauch und trinken Sie Fenchel-Kümmel-Anis-Tee. Das wirkt
entblähend und krampflösend.
9
Geduld haben:
Der Darm vergisst langsam
9
Geduld haben:Der Darm vergisst langsam
Warum: Nach einem "Unfall"
(zu viel Laktose) ist der Darm oft tagelang gereizt. In
dieser Zeit vertragen Sie vielleicht gar nichts.
Wie: Schonkost nach
Fehltritten.
KONKRET
Geben Sie dem Darm 2-3 Tage Ruhe mit leicht verdaulicher
Kost, bevor Sie wieder experimentieren.
10
Austausch:
Du bist nicht allein
10
Austausch:Du bist nicht allein
Warum: Etwa 15-20% der
Deutschen haben Laktoseintoleranz. Es ist keine seltene
Krankheit, sondern Normalität.
Wie: Reden Sie darüber.
KONKRET
Sagen Sie bei Einladungen vorher Bescheid. Meist sind
Gastgeber froh über den Hinweis und es gibt fast immer
laktosefreie Optionen.
!
"Laktosefrei" Blindflug:
Teurer Marketing-Gag
!
"Laktosefrei" Blindflug:Teurer Marketing-Gag
Das Problem: Viele kaufen
teuren laktosefreien Gouda oder Emmentaler. Dabei sind diese
Käsesorten von Natur aus laktosefrei. Hersteller nutzen die
Unwissenheit für höhere Preise.
Die Lösung: Nährwerttabelle
lesen.
KONKRET
Wenn "Kohlenhydrate: 0g" draufsteht, ist auch keine Laktose
drin. Sparen Sie sich den Aufpreis für das
"Laktosefrei"-Label.
!
Verzicht auf Calcium:
Knochen in Gefahr
!
Verzicht auf Calcium:Knochen in Gefahr
Das Problem: Wer
Milchprodukte einfach weglässt, ohne Ersatz zu schaffen,
entwickelt schnell einen Calciummangel. Das Risiko für
Osteoporose steigt.
Die Lösung: Calciumreiche
Alternativen.
KONKRET
Trinken Sie calciumreiches Mineralwasser (>400mg/l) oder
nutzen Sie angereicherte Hafermilch. Essen Sie Hartkäse
(laktosefrei, aber calciumreich!).
!
Laktase-Fehler:
Zu spät oder zu wenig
!
Laktase-Fehler:Zu spät oder zu wenig
Das Problem: Viele nehmen
die Tablette erst nach dem Essen oder dosieren zu niedrig.
Dann ist die Laktose schon im Darm.
Die Lösung: Vor dem ersten
Bissen.
KONKRET
Nehmen Sie die Tablette direkt mit dem ersten Löffel der
milchhaltigen Speise. Wenn die Mahlzeit lange dauert (Menü),
nehmen Sie zwischendurch noch eine.
!
"Spuren von Milch":
Unnötige Panik
!
"Spuren von Milch":Unnötige Panik
Das Problem: Der
Allergiker-Hinweis "Kann Spuren von Milch enthalten"
bedeutet nur, dass in der Fabrik auch Milch verarbeitet
wird. Für Laktoseintolerante sind diese Mikromengen meist
völlig irrelevant.
Die Lösung: Ignorieren.
KONKRET
Solange Milch nicht in der Zutatenliste steht, können Sie
das Produkt meist essen. Sie sind intolerant, nicht
allergisch (wo Spuren tödlich sein können).
!
Ziegen- und Schafmilch:
Trotzdem Laktose
!
Ziegen- und Schafmilch:Trotzdem Laktose
Das Problem: Ein weit
verbreiteter Irrtum ist, dass Ziegen- oder Schafmilch
laktosefrei sei. Sie enthalten fast genauso viel Laktose wie
Kuhmilch.
Die Lösung: Nur gereifter
Käse.
KONKRET
Auch bei Schaf und Ziege gilt: Milch und Frischkäse
enthalten Laktose, lange gereifter Pecorino oder
Ziegen-Hartkäse nicht.
!
Fertigprodukte:
Versteckte Fallen
!
Fertigprodukte:Versteckte Fallen
Das Problem: Laktose wird
Chips, Gewürzmischungen und Fertigsoßen zugesetzt, um den
Geschmack zu verstärken. Wer nur "Milchprodukte" meidet,
tappt in die Falle.
Die Lösung: Zutatenliste
lesen.
KONKRET
Lernen Sie die Decknamen: Molkenpulver, Magermilchpulver,
Süßmolke. All das ist Laktose.
!
Light-Produkte:
Fett weg, Laktose rein
!
Light-Produkte:Fett weg, Laktose rein
Das Problem: Fettarmer
Joghurt oder Light-Produkte werden oft mit Milchpulver
angedickt, um Cremigkeit zu erzeugen. Das erhöht den
Laktosegehalt massiv.
Die Lösung: Vollfettstufe.
KONKRET
Kaufen Sie Sahnejoghurt oder Vollmilchprodukte. Fett
verzögert die Magenentleerung und macht die Laktose
bekömmlicher.
!
Nüchterner Magen:
Durchmarsch garantiert
!
Nüchterner Magen:Durchmarsch garantiert
Das Problem: Wer Milchkaffee
auf leeren Magen trinkt, schickt die Laktose im Eiltempo in
den Dünndarm. Das überfordert die Rest-Laktase sofort.
Die Lösung: Kombinieren.
KONKRET
Essen Sie Laktosehaltiges immer nach oder mit einer fett-
und eiweißreichen Mahlzeit. Der Speisebrei bremst die
Verdauung und entlastet den Darm.
!
Falscher Verdächtiger:
Fruktose oder Sorbit?
!
Falscher Verdächtiger:Fruktose oder Sorbit?
Das Problem: Viele, die
glauben, sie hätten Laktoseintoleranz, reagieren eigentlich
auf Fruchtzucker (Fruktose) oder Zuckeraustauschstoffe
(Sorbit). Die Symptome (Blähbauch) sind identisch.
Die Lösung: Atemtest beim
Arzt.
KONKRET
Wenn laktosefreie Ernährung keine Besserung bringt, lassen
Sie sich auf Fruktosemalabsorption testen.
!
Angst vor Milch:
Toleranz sinkt weiter
!
Angst vor Milch:Toleranz sinkt weiter
Das Problem: Wer jahrelang
komplett auf Laktose verzichtet, signalisiert dem Körper:
"Wir brauchen gar keine Laktase mehr". Die Produktion wird
noch weiter heruntergefahren.
Die Lösung: Training.
KONKRET
Bleiben Sie bei kleinen Mengen (z.B. ein Schuss Milch im
Tee), um die Restfunktion des Enzyms zu trainieren und zu
erhalten.