Morbus Crohn

Dr. Constanze Lohse
über das Leben
mit Morbus Crohn

Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie erklärt, wie Sie durch die Unterscheidung von Schub und Ruhephase die Kontrolle über Ihren Darm zurückgewinnen.
Bei Morbus Crohn gibt es keine "eine Diät für immer". Was in der Ruhephase gesund ist (Salat), kann im akuten Schub wie Schmirgelpapier wirken. Wir müssen lernen, flexibel zu essen.
1
Schonkost im Schub:
Den Darm entlasten
Warum: Wenn der Darm entzündet ist, ist die Schleimhaut geschwollen und verletzlich. Schwer verdauliche Lebensmittel wirken dann wie mechanische Reizung. Im akuten Schub muss die Nahrung so leicht wie möglich sein, fast "vorverdaut".
Wie: Weißer Reis, Kartoffelbrei, gedünstete Karotten, Zwieback.
KONKRET
Wechseln Sie im Schub vorübergehend auf "ungesunde" Weißmehlprodukte und geschältes Gemüse. Pürieren Sie Suppen. Sobald es besser wird, langsam wieder Ballaststoffe einführen.
2
Faserarm essen:
Kratzen vermeiden
Warum: Unlösliche Ballaststoffe (Körner, Schalen, grobes Vollkorn) können Engstellen im Darm (Stenosen), die bei Crohn häufig sind, verstopfen oder die entzündete Wand mechanisch reizen.
Wie: Meiden Sie Nüsse, Körnerbrot und faseriges Gemüse (Spargel) im Schub.
KONKRET
Schälen Sie Äpfel und Tomaten (die Schale ist das Problem). Sieben Sie Kerne aus Himbeermarmelade. Nutzen Sie feines Mehl statt Schrot.
3
Omega-3:
Entzündungshemmer
Warum: Morbus Crohn ist eine chronische Entzündung. Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA) bilden Botenstoffe, die Entzündungen aktiv stoppen. Sie sind wie ein Feuerlöscher für den Darm.
Wie: Gedünsteter Lachs, Leinöl oder Algenöl-Kapseln.
KONKRET
Nehmen Sie täglich 1-2 Esslöffel hochwertiges Leinöl (nicht erhitzen!) zu sich. Rühren Sie es nach dem Kochen in die lauwarme Suppe oder den Brei.
4
Proteinmangel beheben:
Baustoff für Heilung
Warum: Bei Entzündungen verliert der Darm viel Eiweiß ("eiweißverlierende Enteropathie"). Der Körper braucht aber Proteine, um die Schleimhaut zu reparieren und das Immunsystem zu stützen.
Wie: Leicht verdauliches Eiweiß: Huhn, Fisch, Eier, Tofu.
KONKRET
Rührei ist eine perfekte Crohn-Mahlzeit: weich, proteinreich und gut verträglich. Meiden Sie schwer verdauliches, zähes Rindfleisch oder stark faserige Hülsenfrüchte im Schub.
5
Flüssigkeit und Salz:
Verlust ausgleichen
Warum: Durch häufige Durchfälle verlieren Crohn-Patienten massiv Wasser und Elektrolyte (Salz, Kalium). Das führt zu Schwäche und Kreislaufproblemen.
Wie: 3 Liter stilles Wasser oder Kräutertee plus Salz.
KONKRET
Trinken Sie Gemüsebrühe! Sie liefert Flüssigkeit und Salze gleichzeitig. Meiden Sie Kohlensäure, da sie den ohnehin gereizten Bauch aufbläht.
6
Probiotika:
Aber zur richtigen Zeit
Warum: Die Darmflora ist bei Crohn oft gestört (Dysbiose). Gute Bakterien können helfen, die Entzündung zu kontrollieren. Aber im akuten Schub können Probiotika manchmal Blähungen verstärken.
Wie: Starten Sie in der Remission (Ruhephase).
KONKRET
Versuchen Sie Naturjoghurt oder Kefir (laktosefrei, falls nötig). Wenn Sie das vertragen, können Sie spezielle Apotheken-Probiotika für CED (chronisch entzündliche Darmerkrankungen) probieren.
7
Kleine Portionen:
Darm nicht überladen
Warum: Ein entzündeter Darm kann Nährstoffe schlechter aufnehmen. Große Portionen rauschen unverdaut durch und verursachen Durchfall. Viele kleine Häppchen werden besser resorbiert.
Wie: 5-6 kleine Mahlzeiten statt 3 große.
KONKRET
Kauen Sie extrem gut! Die Verdauung beginnt im Mund. Je flüssiger der Brei im Magen ankommt, desto weniger Arbeit hat der kranke Darm.
8
Zubereitung:
Dämpfen statt Braten
Warum: Röststoffe (beim scharfen Anbraten) und Frittierfett sind schwer verdaulich und reizen die Schleimhaut. Gekochte oder gedämpfte Speisen sind viel bekömmlicher.
Wie: Nutzen Sie den Dampfgarer oder Kochtopf.
KONKRET
Kartoffeln als Püree oder Salzkartoffeln sind besser als Bratkartoffeln. Fisch gedünstet besser als paniert und gebraten.
9
Zucker & Fertigkram:
Entzündungstreiber
Warum: Emulgatoren in Fertiggerichten (z.B. E466, Polysorbate) können die Schleimschicht des Darms angreifen und Entzündungen fördern. Zucker füttert schlechte Bakterien.
Wie: Kochen Sie frisch, meiden Sie die Tüte.
KONKRET
Meiden Sie Carrageen (oft in Sahne oder Pudding) und Maltodextrin. Je kürzer die Zutatenliste, desto sicherer für Ihren Bauch.
10
Ernährungstagebuch:
Individuelle Trigger
Warum: Crohn ist bei jedem anders. Der eine verträgt Tomaten, der andere bekommt davon Krämpfe. Es gibt keine "Eine-für-alle-Diät".
Wie: Schreiben Sie auf, was Sie essen und wie es Ihnen geht.
KONKRET
Notieren Sie nicht nur Essen, sondern auch Stress. Oft ist nicht das Essen schuld, sondern der Streit beim Abendbrot.
1
Stress-Management:
Darm-Hirn-Achse
Warum: Stress schlägt direkt auf den Bauch (Vagusnerv). Bei Crohn-Patienten führt psychischer Druck oft zu neuen Schüben. Entspannung ist Medikament.
Wie: Yoga, Meditation oder Darm-Hypnose.
KONKRET
Probieren Sie progressive Muskelentspannung. 10 Minuten täglich reichen, um das Stresslevel zu senken und den Darm zu beruhigen.
2
Rauchstopp:
Der wichtigste Schritt
Warum: Rauchen ist der schlimmste Umweltfaktor bei Morbus Crohn (anders als bei Colitis ulcerosa). Raucher haben mehr Schübe, brauchen mehr OP's und Medikamente wirken schlechter.
Wie: Sofort aufhören.
KONKRET
Suchen Sie sich Hilfe für den Rauchstopp. Es ist die effektivste Maßnahme, die Sie selbst für Ihre Gesundheit tun können.
3
Schlaf:
Zeit für Reparatur
Warum: Im Schlaf regeneriert sich die Darmschleimhaut und das Immunsystem wird moduliert. Schlafmangel fördert Entzündungen.
Wie: 7-9 Stunden Schlaf.
KONKRET
Gehen Sie früh ins Bett. Wenn Sie nachts wegen Durchfall raus müssen, halten Sie das Licht gedimmt, um schnell wieder einschlafen zu können.
4
Bewegung:
Sanft, nicht extrem
Warum: Moderate Bewegung (Spazieren, Yoga) wirkt entzündungshemmend. Extremsport kann Stress auslösen und Durchfälle triggern ("Runner's Diarrhea").
Wie: Hören Sie auf den Bauch.
KONKRET
Im Schub ist Ruhe angesagt. In der Remission ist Sport super. Yoga hilft besonders gut, da es Bewegung und Entspannung kombiniert.
5
Vitamin D & B12:
Mängel auffüllen
Warum: Crohn befällt oft den letzten Dünndarmabschnitt (Ileum), wo Vitamin B12 aufgenommen wird. Mangel ist häufig. Vitamin D moduliert das Immunsystem.
Wie: Blutbild checken lassen.
KONKRET
Lassen Sie Eisen, B12 und Vitamin D regelmäßig messen. B12 muss bei Crohn oft gespritzt werden, da Tabletten nicht aufgenommen werden.
6
Wärme:
Erste Hilfe bei Krämpfen
Warum: Wärme entspannt die Bauchmuskulatur und lindert Krämpfe sofort.
Wie: Wärmflasche oder Bad.
KONKRET
Haben Sie immer eine Wärmflasche griffbereit, auch im Büro (es gibt unauffällige Wärmegürtel). Feuchte Wärme (Wickel) wirkt noch intensiver.
7
Hygiene:
Keime vermeiden
Warum: Viele Crohn-Medikamente (Immunsuppressiva) schwächen die Abwehr. Eine Magen-Darm-Infektion kann einen Schub auslösen.
Wie: Hände waschen, Lebensmittelhygiene.
KONKRET
Waschen Sie Obst/Gemüse gründlich. Seien Sie vorsichtig bei rohen Eiern, Sushi oder Softeis, um Salmonellen zu vermeiden.
8
Psyche stärken:
Keine Tabus
Warum: Eine chronische Krankheit belastet die Seele. Angst vor Durchfall in der Öffentlichkeit führt zu Isolation. Depressionen sind häufig.
Wie: Reden Sie darüber oder suchen Sie Hilfe.
KONKRET
Schließen Sie sich einer Selbsthilfegruppe an (DCCV). Der Austausch mit anderen Betroffenen entlastet enorm ("Ich bin nicht allein").
9
Medikamenten-Treue:
Nicht eigenmächtig absetzen
Warum: "Mir geht es gut, ich brauche die Tabletten nicht mehr." Das ist gefährlich. Die Medikamente sorgen dafür, dass es gut bleibt. Absetzen führt oft zum Schub.
Wie: Einnahmeplan einhalten.
KONKRET
Besprechen Sie Dosisänderungen immer mit dem Arzt. Nutzen Sie eine Tablettenbox, um die Einnahme nicht zu vergessen.
10
Vorsorge:
Darmkrebs-Risiko
Warum: Chronische Entzündungen erhöhen langfristig das Krebsrisiko im Darm. Regelmäßige Kontrolle ist Lebensversicherung.
Wie: Darmspiegelung (Koloskopie).
KONKRET
Gehen Sie zu den vereinbarten Kontrollterminen, auch wenn Sie beschwerdefrei sind. Der Arzt erkennt Veränderungen frühzeitig.
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Salat im Schub:
Wie Schmirgelpapier
Das Problem: Viele wollen sich "gesund" ernähren und essen Rohkost. Im Schub sind rohe Fasern aber viel zu aggressiv für die offene Schleimhaut. Es blutet und schmerzt.
Die Lösung: Gekochtes Gemüse.
KONKRET
Dünsten Sie alles weich. Karotten, Zucchini, Kürbis. Kein roher Salat, keine Nüsse, keine Körner im akuten Zustand.
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Scharfes Essen:
Reizung pur
Das Problem: Chili (Capsaicin) und scharfe Gewürze regen die Durchblutung und Darmtätigkeit extrem an. Bei Durchfall ist das fatal.
Die Lösung: Milde Kräuter.
KONKRET
Würzen Sie mit Fenchel, Kümmel, Anis oder Kurkuma (entzündungshemmend). Lassen Sie Chili und Pfeffer weg.
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Milchprodukte:
Laktoseintoleranz ist häufig
Das Problem: Viele Crohn-Patienten entwickeln eine (temporäre) Laktoseintoleranz. Milchzucker führt dann zu massiven Blähungen und Durchfall.
Die Lösung: Laktosefrei testen.
KONKRET
Wechseln Sie für 2 Wochen auf laktosefreie Milch oder Pflanzenmilch. Wenn die Blähungen verschwinden, bleiben Sie dabei.
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Kohlensäure:
Druck im Bauch
Das Problem: CO2 bläht den Darm auf. Bei entzündeten Darmwänden oder Verengungen (Stenosen) verursacht dieser Druck starke Schmerzen.
Die Lösung: Stilles Wasser.
KONKRET
Trinken Sie nur stilles Wasser oder Tee. Meiden Sie Limonaden.
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Schmerzmittel (Ibuprofen):
Schub-Auslöser
Das Problem: NSAR-Schmerzmittel (Ibuprofen, Aspirin, Diclofenac) greifen die Magen- und Darmschleimhaut an und können bei Crohn akute Schübe auslösen.
Die Lösung: Paracetamol / Novalgin.
KONKRET
Sprechen Sie bei Schmerzen immer mit Ihrem Gastroenterologen. Nehmen Sie niemals einfach so Ibuprofen.
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Fertigprodukte:
Emulgatoren schaden
Das Problem: Zusatzstoffe wie Polysorbate oder Carrageen (Verdickungsmittel) können die Darmschleimhaut durchlässig machen und Entzündungen fördern.
Die Lösung: Selber kochen.
KONKRET
Meiden Sie hochverarbeitete Lebensmittel. Kochen Sie einfache Gerichte aus frischen Zutaten.
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Kaffee:
Treibt den Darm an
Das Problem: Koffein regt die Darmperistaltik an. Bei Durchfall ist das genau das Falsche. Kaffee wirkt abführend.
Die Lösung: Kräutertee.
KONKRET
Verzichten Sie im Schub auf Kaffee. Heidelbeertee (getrocknete Beeren) wirkt stopfend und entzündungshemmend.
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Rauchen:
Schlimmer als bei Colitis
Das Problem: Rauchen ist der Risikofaktor Nr. 1 für einen schweren Verlauf bei Morbus Crohn. Es verdoppelt das Risiko für Schübe und OP's.
Die Lösung: Rauchstopp.
KONKRET
Jede Zigarette weniger zählt. Der Verzicht auf Rauchen ist oft wirksamer als jedes Medikament.
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Alkohol:
Schleimhaut-Reizung
Das Problem: Alkohol erhöht die Durchlässigkeit der Darmwand ("Leaky Gut") und fördert Entzündungen.
Die Lösung: Verzicht im Schub.
KONKRET
Trinken Sie keinen Alkohol, solange Sie Beschwerden haben. In der Remission ist ab und zu ein Glas verträglich, aber testen Sie es vorsichtig.
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Angst vor Essen:
Mangelernährung
Das Problem: Aus Angst vor Schmerzen essen viele Patienten viel zu wenig. Gewichtsverlust und Nährstoffmangel schwächen den Körper zusätzlich.
Die Lösung: Kalorienreiche Schonkost.
KONKRET
Wenn Sie nicht essen können, nutzen Sie hochkalorische Trinknahrung aus der Apotheke (Astronautenkost), um bei Kräften zu bleiben.