Neurodermitis

Dr. Constanze Lohse
über den Spiegel
der Darmgesundheit

Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie erklärt, warum Neurodermitis keine reine Hautkrankheit ist und wie wir die "undichte" Hautbarriere von innen reparieren können.
Die Haut ist unsere Grenze zur Außenwelt. Wenn diese Grenze bröckelt, müssen wir den Mörtel erneuern – nicht nur mit Creme, sondern vor allem mit den richtigen Fetten und einem gesunden Darm.
1
Omega-3-Fette:
Der innere Schutzmantel
Warum: Bei Neurodermitis ist die Hautbarriere durchlässig. Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) werden in die Zellmembranen der Haut eingebaut, machen sie geschmeidig und wirken stark entzündungshemmend gegen den Juckreiz.
Wie: Täglich Algenöl oder 2x pro Woche fetten Fisch.
KONKRET
Nehmen Sie jeden Tag einen Esslöffel hochwertiges Algenöl (schmeckt neutral) zu einer Mahlzeit. Das wirkt von innen besser als viele Cremes von außen.
2
GLA (Gamma-Linolensäure):
Das fehlende Puzzleteil
Warum: Viele Neurodermitiker können pflanzliche Fette genetisch bedingt nicht in die entzündungshemmende Gamma-Linolensäure (GLA) umwandeln. Dieser Mangel führt zu trockener, rissiger Haut. Wir müssen GLA direkt zuführen.
Wie: Borretschöl oder Nachtkerzenöl (als Kapsel oder Öl).
KONKRET
Borretschöl enthält am meisten GLA. Nehmen Sie es innerlich ein UND mischen Sie ein paar Tropfen in Ihre Basispflege-Creme. Das repariert die Barriere doppelt.
3
Zucker reduzieren:
Entzündungs-Feuer löschen
Warum: Zucker fördert stille Entzündungen im Körper und schwächt das Darmmikrobiom. Ein hoher Blutzucker führt zur Verzuckerung (Glykation) der Hautfasern, was die Haut noch unelastischer und rissiger macht.
Wie: Meiden Sie Süßigkeiten und Softdrinks.
KONKRET
Führen Sie ein 14-Tage-Experiment durch: Verzicht auf Industriezucker. Viele Patienten berichten, dass der Juckreiz schon nach einer Woche deutlich nachlässt.
4
Darmgesundheit:
Haut und Darm sind Partner
Warum: 80% des Immunsystems sitzen im Darm. Eine gestörte Darmflora (Dysbiose) führt dazu, dass das Immunsystem überreagiert und die Haut angreift. Neurodermitis ist oft ein Darm-Thema.
Wie: Probiotika und ballaststoffreiche Kost.
KONKRET
Machen Sie eine Kur mit Multispezies-Probiotika (aus der Apotheke), die speziell für Hauterkrankungen (z.B. mit Lactobacillus rhamnosus) entwickelt wurden.
5
Histamin beachten:
Der Juckreiz-Verstärker
Warum: Viele Neurodermitiker haben eine unerkannte Histamin-Intoleranz. Histaminreiche Lebensmittel (alter Käse, Rotwein, Tomaten) triggern den Botenstoff, der Juckreiz auslöst.
Wie: Testen Sie eine histaminarme Ernährung.
KONKRET
Wenn Sie merken, dass Sie nach dem Essen von Tomatensoße, Salami oder Erdbeeren mehr kratzen müssen, meiden Sie diese Lebensmittel in akuten Schub-Phasen.
6
Zink:
Wundheilung fördern
Warum: Zink ist essentiell für das Immunsystem und die Wundheilung. Da Neurodermitiker oft offene, gekratzte Hautstellen haben, ist der Zinkbedarf erhöht. Ein Mangel verzögert die Heilung.
Wie: Kürbiskerne, Haferflocken, Fleisch.
KONKRET
Streuen Sie täglich Kürbiskerne über Ihr Essen. Im akuten Schub kann eine Zink-Kur (Tabletten) helfen, die offenen Stellen schneller zu schließen.
7
Vitamin D:
Immun-Modulator
Warum: Vitamin D stärkt die Barrierefunktion der Haut und reguliert das überaktive Immunsystem. Studien zeigen, dass Schübe im Winter (bei Lichtmangel) oft schlimmer sind.
Wie: Supplementierung (Tropfen/Kapseln) und Sonne.
KONKRET
Lassen Sie Ihren Spiegel messen und füllen Sie ihn auf einen Wert von 50-60 ng/ml auf. Viele Patienten erleben dadurch eine deutliche Besserung des Hautbildes.
8
Wasser:
Feuchtigkeit von innen
Warum: Trockene Haut braucht Feuchtigkeit, nicht nur Fett. Wenn der Körper dehydriert ist, zieht er Wasser aus der Haut ab. Die Haut wird spröde und juckt schneller.
Wie: 2-2,5 Liter stilles Wasser oder Kräutertee.
KONKRET
Trinken Sie direkt nach dem Aufstehen zwei große Gläser Wasser. Das füllt die Speicher auf, die über Nacht geleert wurden, und polstert die Hautzellen auf.
9
Trigger testen:
Kuhmilch und Eier
Warum: Bei etwa 30% der Kinder (seltener bei Erwachsenen) verschlimmern bestimmte Lebensmittel die Ekzeme. Häufigste Übeltäter: Kuhmilch, Hühnerei, Soja oder Nüsse.
Wie: Auslassdiät (Eliminationsdiät) für 4 Wochen.
KONKRET
Führen Sie ein Ernährungstagebuch. Wenn Sie einen Verdacht haben, lassen Sie das Lebensmittel 4 Wochen weg. Wird die Haut besser? Dann provozieren Sie es erneut, um sicher zu sein.
10
Antioxidantien:
Bunter essen
Warum: Entzündungen erzeugen oxidativen Stress in der Haut. Antioxidantien (Vitamine A, C, E, Betacarotin) fangen freie Radikale ab und schützen die Hautzellen.
Wie: Essen Sie den Regenbogen (buntes Gemüse/Obst).
KONKRET
Karotten (Betacarotin) sind besonders gut für die Haut. Essen Sie sie immer mit etwas Fett, damit das Provitamin A aufgenommen werden kann.
1
Basispflege:
Nicht nur im Schub
Warum: Neurodermitis-Haut fehlt es genetisch an Feuchthaltefaktoren und Fetten (Ceramiden). Die Basispflege ersetzt den fehlenden "Mörtel" zwischen den Hautzellen.
Wie: 2x täglich eincremen, auch auf gesunder Haut.
KONKRET
Finden Sie eine Creme, die Sie mögen (Urea, Ceramide, Glycerin). "Viel hilft viel". Creme ist Ihre wichtigste Barriere gegen Bakterien und Allergene.
2
Kleidung:
Keine Wolle
Warum: Raue Fasern wie Schurwolle wirken auf empfindlicher Haut wie kleine Nadelstiche und lösen sofort Juckreiz aus. Hitzestau fördert zudem den Juckreiz.
Wie: Glatte Baumwolle, Seide oder Lyocell.
KONKRET
Tragen Sie Kleidung "auf links" (Nähte nach außen), um Reibung zu vermeiden. Es gibt spezielle Silberwäsche, die antibakteriell wirkt und kühlt.
3
Kratz-Alternativen:
Das Gehirn austricksen
Warum: Kratzen beschädigt die Hautbarriere, Bakterien dringen ein, die Entzündung steigt -> mehr Juckreiz. Ein Teufelskreis. Dem Juckreiz gar nicht nachzugeben ist aber fast unmöglich.
Wie: Kneifen, Klopfen, Kühlen.
KONKRET
Statt zu kratzen: Kneifen Sie in die Haut (schmerzhafter Gegenreiz ohne Hautverletzung), klopfen Sie auf die Stelle oder halten Sie ein Coolpack drauf.
4
Stress reduzieren:
Haut als Spiegel der Seele
Warum: Stresshormone (Cortisol, Adrenalin) fördern Entzündungen und senken die Juckreizschwelle. Viele Schübe werden durch psychischen Stress ausgelöst.
Wie: Entspannungstechniken (PMR, Yoga).
KONKRET
Lernen Sie Progressive Muskelentspannung oder autogenes Training. 10 Minuten täglich senken das Stresslevel der Haut spürbar.
5
Duschen & Baden:
Nicht zu heiß
Warum: Heißes Wasser und aggressive Seifen waschen die natürlichen Fette aus der Haut. Die Haut trocknet aus und juckt.
Wie: Lauwarm duschen, Ölbad nutzen.
KONKRET
Duschen Sie nur kurz und lauwarm (max. 35 Grad). Nutzen Sie Duschöle oder pH-hautneutrale Syndets statt Seife. Tupfen Sie die Haut trocken, nicht rubbeln!
6
Nägel kurz halten:
Verletzungen minimieren
Warum: Nachts kratzt man oft unbewusst. Lange, scharfe Fingernägel reißen die Haut auf und bringen Bakterien (Staphylokokken) tief ins Gewebe.
Wie: Nägel extrem kurz feilen.
KONKRET
Schneiden und feilen Sie die Nägel rund und kurz. Tragen Sie nachts Baumwollhandschuhe, um Kratzschäden im Schlaf zu verhindern.
7
Waschmittel:
Chemie auf der Haut
Warum: Rückstände von Duftstoffen und Waschmitteln in der Kleidung können die Haut permanent reizen (Kontaktallergie).
Wie: Sensitiv-Waschmittel, kein Weichspüler.
KONKRET
Nutzen Sie parfümfreies Flüssigwaschmittel. Stellen Sie an der Waschmaschine "Extra Spülen" ein, um alle Seifenreste zu entfernen.
8
Klima-Management:
Schwitzen vermeiden
Warum: Schweiß ist salzig und brennt auf offener Haut. Hitzestau führt zu massivem Juckreiz.
Wie: Zwiebelprinzip, kühles Schlafzimmer.
KONKRET
Schlafen Sie bei maximal 18 Grad. Duschen Sie Schweiß nach dem Sport sofort lauwarm ab. Tragen Sie luftige Kleidung.
9
Rauchstopp:
Schadstoffe von außen
Warum: Tabakrauch (auch Passivrauch) schädigt die Hautbarriere und fördert Entzündungen. Kinder in Raucherhaushalten haben ein viel höheres Risiko für Neurodermitis.
Wie: Rauchfreie Umgebung schaffen.
KONKRET
Rauchen Sie niemals in der Wohnung oder im Auto. Die Partikel setzen sich in Kleidung und Möbeln fest ("Third-Hand Smoke").
10
Schwarztee-Umschläge:
Gerbstoffe helfen
Warum: Die Gerbstoffe im schwarzen Tee wirken zusammenziehend (adstringierend), trocknen nässende Ekzeme aus und lindern den Juckreiz.
Wie: Kalte Umschläge.
KONKRET
Lassen Sie schwarzen Tee sehr lange ziehen (10 Min.), kühlen Sie ihn ab. Tränken Sie ein Baumwolltuch darin und legen Sie es 10-15 Min. auf die juckende Stelle.
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Cortison-Angst:
Falsche Sparsamkeit
Das Problem: Viele haben Angst vor Nebenwirkungen ("dünne Haut") und nutzen Cortisoncremes zu kurz oder zu wenig. Dadurch flammt die Entzündung sofort wieder auf und wird chronisch.
Die Lösung: Ausschleichen.
KONKRET
Nutzen Sie Cortison so lange wie vom Arzt verordnet und setzen Sie es langsam ab ("Ausschleichen"), nicht abrupt. Moderne Cremes sind sicher.
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Zu oft duschen:
Wasser trocknet aus
Das Problem: "Ich muss den Schmutz abwaschen." Falsch. Wasser wäscht die hauteigenen Fette aus. Je öfter Sie duschen, desto trockener wird die Haut.
Die Lösung: Katzenwäsche.
KONKRET
Duschen Sie nicht täglich den ganzen Körper. Achseln, Füße und Intimbereich reichen. Das schont den Säureschutzmantel.
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Duftstoffe:
Allergie-Bomben
Das Problem: "Naturkosmetik" mit ätherischen Ölen oder stark parfümierte Waschmittel. Duftstoffe sind die häufigsten Kontaktallergene.
Die Lösung: Duftfrei.
KONKRET
Kaufen Sie Produkte mit dem DAAB-Siegel (Deutscher Allergie- und Asthmabund). "Sensitiv" heißt nicht immer parfümfrei!
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Zitrusfrüchte:
Säure auf der Haut
Das Problem: Orangen, Zitronen und Grapefruit enthalten viel Fruchtsäure und Histamin. Sie können Juckreiz triggern und beim Schälen die Hände reizen.
Die Lösung: Milde Früchte.
KONKRET
Essen Sie Bananen, Melonen oder Birnen. Wenn Sie Zitrusfrüchte essen: Schälen Sie sie nicht selbst (oder tragen Sie Handschuhe).
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Weichspüler:
Chemiefilm
Das Problem: Weichspüler hinterlassen einen Film auf der Wäsche, der 24 Stunden direkten Hautkontakt hat. Die Duftstoffe darin sind extrem reizend.
Die Lösung: Essig oder Trockner.
KONKRET
Nutzen Sie einen Schuss Essig im Weichspülerfach (riecht man nach dem Waschen nicht) oder den Wäschetrockner, um die Wäsche weich zu bekommen.
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Schweiß auf der Haut:
Salz brennt
Das Problem: Sport ist gesund, aber Schweiß auf Ekzemen brennt wie Feuer und löst Juckreiz aus. Viele hören deshalb auf, Sport zu machen.
Die Lösung: Sofort duschen.
KONKRET
Duschen Sie den Schweiß unmittelbar nach dem Sport mit klarem, lauwarmem Wasser ab und cremen Sie sich sofort ein.
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Radikaldiäten:
Nährstoffmangel
Das Problem: "Ich esse nur noch Reis." Viele streichen wahllos Lebensmittel aus Angst vor Triggern. Mangelernährung verschlechtert die Hautheilung aber massiv.
Die Lösung: Gezieltes Testen.
KONKRET
Führen Sie Ernährungstagebuch und lassen Sie Lebensmittel nur weg, wenn Sie eine Reaktion bemerken.
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Fett im Badewasser:
Rutschgefahr
Das Problem: Ölbäder sind super, aber reines Öl mischt sich nicht mit Wasser (schwimmt oben) und macht die Wanne zur Rutschbahn.
Die Lösung: Emulgator.
KONKRET
Mischen Sie das Öl (z.B. Olivenöl) vorher mit einem Becher Sahne oder Milch. Das wirkt als natürlicher Emulgator und verteilt das Fett im Wasser.
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Stress ignorieren:
Juckreiz durch Psyche
Das Problem: "Ich hab halt Stress." Stress aktiviert Nervenfasern, die Juckreiz auslösen. Ohne Entspannung hilft die beste Creme nichts.
Die Lösung: Pausen einplanen.
KONKRET
Sehen Sie Entspannung als Teil Ihrer medizinischen Therapie, nicht als Luxus.
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Creme-Tiegel:
Bakterienbrut
Das Problem: Wer mit dem Finger in den Cremetopf fasst, bringt Keime hinein, die sich dort vermehren. Diese schmiert man sich dann auf die offene Haut.
Die Lösung: Tuben oder Spatel.
KONKRET
Nutzen Sie Pumpspender oder Tuben. Wenn Sie Töpfe nutzen, entnehmen Sie die Creme mit einem sauberen Löffel.