Schilddrüsenunterfunktion

Dr. Constanze Lohse
über den Turbo
für den Stoffwechsel

Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie erklärt, warum die Schilddrüse unser "Gaspedal" ist und wie Sie es wieder durchtreten können, wenn der Körper auf der Bremse steht.
Die Schilddrüse braucht Rohstoffe, um zu arbeiten. Fehlt Jod, Selen oder Eiweiß, kann sie keine Hormone bauen. Mit der richtigen Ernährung geben wir ihr das Werkzeug zurück.
1
Der Baustoff Jod:
Treibstoff für Hormone
Warum: Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 bestehen zu einem Großteil aus Jod (die Zahlen 3 und 4 stehen für die Anzahl der Jodatome). Ohne Jod kann die Drüse schlichtweg nichts produzieren. Deutschland ist ein Jodmangelgebiet.
Wie: Essen Sie 2x pro Woche Seefisch (Kabeljau, Seelachs, Schellfisch).
KONKRET
Verwenden Sie zu Hause jodiertes Speisesalz. Wenn Sie keinen Fisch essen, besprechen Sie mit Ihrem Arzt eine Jod-Supplementierung (ca. 150-200 µg/Tag), außer bei akutem Hashimoto-Schub.
2
Der Umwandler Selen:
Aus inaktiv wird aktiv
Warum: Die Schilddrüse produziert hauptsächlich das inaktive Hormon T4. Um wirksam zu werden, muss es in T3 umgewandelt werden. Dafür benötigt der Körper Enzyme (Dejodasen), die selenabhängig sind. Ohne Selen bleibt das Hormon wirkungslos.
Wie: Paranüsse sind die reichste natürliche Quelle.
KONKRET
Essen Sie täglich 1-2 Paranüsse. Das deckt oft schon den Tagesbedarf. Alternativ sind Kokosnuss, Steinpilze und Fisch gute Lieferanten.
3
Eiweiß ist Pflicht:
Tyrosin als Basis
Warum: Das Grundgerüst der Schilddrüsenhormone ist die Aminosäure Tyrosin. Wer zu wenig Eiweiß isst, liefert dem Körper nicht genug Baumaterial. Müdigkeit und Antriebslosigkeit verstärken sich.
Wie: Zu jeder Mahlzeit eine Proteinquelle (Eier, Quark, Fleisch, Linsen).
KONKRET
Kürbiskerne und Parmesan sind besonders reich an Tyrosin. Streuen Sie Kerne über den Salat oder essen Sie ein Stück Hartkäse als Snack.
4
Eisenmangel beheben:
Ohne Ferritin läuft nichts
Warum: Das Enzym Schilddrüsenperoxidase (TPO), das Jod in die Hormone einbaut, ist eisenabhängig. Viele Frauen mit Unterfunktion haben einen unentdeckten Eisenmangel (niedriges Ferritin), der die Therapie blockiert.
Wie: Rotes Fleisch, Leber oder pflanzliches Eisen (Hafer, Hirse) mit Vitamin C.
KONKRET
Kombinieren Sie pflanzliches Eisen immer mit Vitamin C (z.B. Haferflocken mit Orangensaft), um die Aufnahme zu verdreifachen. Kaffee hemmt die Aufnahme!
5
Goitrogene kochen:
Kohl richtig zubereiten
Warum: Kohlarten (Brokkoli, Grünkohl, Blumenkohl) und Soja enthalten Goitrogene. Diese Stoffe können die Jodaufnahme in die Schilddrüse hemmen und so eine Unterfunktion verstärken.
Wie: Erhitzen Sie Kohlgemüse immer.
KONKRET
Durch Kochen oder Dämpfen werden die hemmenden Stoffe weitgehend inaktiviert. Sie müssen auf gesundes Kohlgemüse nicht verzichten, essen Sie es nur nicht roh in großen Mengen.
6
Gluten reduzieren:
Entzündung senken
Warum: Die meisten Unterfunktionen werden durch Hashimoto (Autoimmunerkrankung) verursacht. Die Struktur von Gluten ähnelt dem Schilddrüsengewebe. Bei durchlässigem Darm kann Gluten das Immunsystem dazu anregen, die Schilddrüse anzugreifen.
Wie: Probieren Sie eine 4-wöchige glutenfreie Phase.
KONKRET
Ersetzen Sie Weizenbrot durch Kartoffeln, Reis, Quinoa oder Buchweizen. Viele Patienten berichten von mehr Energie und weniger "Gehirnnebel".
7
Komplexe Kohlenhydrate:
Blutzucker-Achterbahn stoppen
Warum: Schneller Zucker treibt das Insulin hoch. Der folgende Absturz (Unterzucker) bedeutet Stress für den Körper. Stresshormone (Cortisol) blockieren die Umwandlung der Schilddrüsenhormone.
Wie: Vollkorn, Hülsenfrüchte und Gemüse statt Weißmehl.
KONKRET
Essen Sie nie Kohlenhydrate "nackt". Kombinieren Sie Obst oder Brot immer mit Fett oder Eiweiß (z.B. Apfel mit Nüssen), um den Blutzuckeranstieg zu bremsen.
8
Wasser trinken:
Stoffwechsel aktivieren
Warum: Ein langsamer Stoffwechsel führt oft zu Wassereinlagerungen (Ödemen) und träger Verdauung. Ausreichend Flüssigkeit ist nötig, um Nährstoffe zu transportieren und die Nieren zu unterstützen.
Wie: 2-3 Liter stilles Wasser oder Kräutertee.
KONKRET
Trinken Sie morgens direkt nach dem Aufstehen zwei große Gläser lauwarmes Wasser. Das weckt den Stoffwechsel auf, noch bevor Sie frühstücken.
9
Omega-3-Fette:
Entzündung hemmen
Warum: Da die Unterfunktion oft entzündlich bedingt ist (Hashimoto), ist Entzündungshemmung essenziell. Omega-3 verbessert zudem die Sensibilität der Zellen für Schilddrüsenhormone.
Wie: Algenöl, Leinöl oder fetter Fisch.
KONKRET
Nehmen Sie täglich 1 EL Algenöl oder hochwertiges Leinöl (nicht erhitzen!) zu sich. Rühren Sie es in den Quark oder träufeln Sie es über das gedünstete Gemüse.
10
Kaffee und Tabletten:
Der Wirkungskiller
Warum: L-Thyroxin ist extrem empfindlich. Kaffee (auch schwarzer), Milch oder Calcium im Wasser verhindern die Aufnahme im Magen. Wer die Tablette mit Kaffee runterspült, nimmt effektiv nur die halbe Dosis auf.
Wie: Nur mit Leitungswasser, 30 min vor dem Frühstück.
KONKRET
Stellen Sie sich das Wasserglas abends ans Bett. Nehmen Sie die Tablette sofort beim Aufwachen. Nutzen Sie die Zeit im Bad, bis Sie den ersten Kaffee trinken (mindestens 30 Minuten Abstand!).
1
Schlaf-Hygiene:
Hormon-Reset
Warum: Menschen mit Unterfunktion sind oft chronisch müde, schlafen aber schlecht. Im Schlaf regeneriert sich das Hormonsystem. Schlafmangel stresst die Schilddrüse zusätzlich.
Wie: Feste Schlafenszeiten, kühles Zimmer.
KONKRET
Gehen Sie vor 23 Uhr ins Bett. Die Stunden vor Mitternacht gelten als besonders wertvoll für die hormonelle Regeneration (Nebennieren).
2
Stress-Management:
Cortisol blockiert T3
Warum: Cortisol (Stress) und Schilddrüsenhormone sind Gegenspieler. Hohes Cortisol hemmt die Umwandlung von T4 in T3 und fördert die Bildung von inaktivem reverse-T3. Stress macht die Schilddrüse "stumm".
Wie: Aktive Entspannung (Yoga, Waldspaziergang).
KONKRET
Planen Sie Pausen fest in den Kalender ein. "Nichts tun" ist bei Schilddrüsenproblemen eine wichtige medizinische Maßnahme, keine Faulheit.
3
Kältetraining:
Braunes Fett aktivieren
Warum: Patienten mit Unterfunktion frieren oft. Kältereize trainieren die Thermoregulation und aktivieren das "braune Fettgewebe", das Energie verbrennt und Wärme erzeugt.
Wie: Wechselduschen am Morgen.
KONKRET
Duschen Sie warm, dann stellen Sie das Wasser für 30 Sekunden auf kalt (beginnen Sie bei den Beinen). Das weckt die Lebensgeister und kurbelt den Stoffwechsel an.
4
Krafttraining:
Grundumsatz steigern
Warum: Durch den verlangsamten Stoffwechsel nehmen Patienten oft zu. Muskeln verbrennen auch in Ruhe Energie. Krafttraining ist effektiver als Cardio, um dem Gewichtszuwachs entgegenzuwirken.
Wie: 2x pro Woche Muskeltraining.
KONKRET
Fangen Sie sanft an, um die Nebennieren nicht zu stressen. Kurze Einheiten mit Eigengewicht (Kniebeugen, Liegestütze) reichen für den Anfang.
5
Darmgesundheit:
Aufnahme sichern
Warum: Nährstoffe wie Selen, Zink und Eisen müssen über den Darm aufgenommen werden. Ein kranker Darm ("Leaky Gut") lässt Nährstoffe nicht durch, aber Entzündungsstoffe hinein.
Wie: Fermentierte Lebensmittel essen.
KONKRET
Essen Sie täglich eine Gabel Sauerkraut oder Kimchi. Probiotika unterstützen die Darmflora und damit indirekt die Schilddrüse.
6
Leberunterstützung:
Konversions-Ort
Warum: Ein Großteil der Umwandlung von T4 in aktives T3 findet in der Leber statt. Eine Fettleber oder überlastete Leber bremst die Schilddrüsenwirkung.
Wie: Bitterstoffe und Leberwickel.
KONKRET
Essen Sie Radicchio, Chicorée oder Löwenzahn. Machen Sie ab und zu einen warmen Leberwickel, um die Durchblutung des Organs zu fördern.
7
Wärme von innen:
Gegen das Frieren
Warum: Der verlangsamte Stoffwechsel produziert weniger Körperwärme. Kalte Hände und Füße sind typisch.
Wie: Warme Mahlzeiten und Gewürze.
KONKRET
Frühstücken Sie warm (Porridge). Nutzen Sie wärmende Gewürze wie Ingwer, Zimt, Pfeffer und Chili, um die Thermogenese anzuregen.
8
Morgenroutine:
Der Tabletten-Wecker
Warum: Konsistenz ist alles. Wer die Tablette mal nimmt und mal vergisst, bringt seinen Hormonspiegel in eine Achterbahnfahrt.
Wie: Feste Gewohnheit etablieren.
KONKRET
Legen Sie den Blister auf den Nachttisch. Die Tablette ist das Erste, was Sie morgens tun – noch vor dem Aufstehen. So vergessen Sie den 30-Minuten-Abstand zum Frühstück nie.
9
Stimme schonen:
Schwellung
Warum: Bei einer Unterfunktion lagern sich Mucopolysaccharide in den Stimmbändern ein, die Stimme wird tief und rau ("Schilddrüsenstimme").
Wie: Viel trinken, nicht räuspern.
KONKRET
Summen Sie sanft, um die Stimmbänder zu lockern. Wenn Sie heiser sind, sprechen Sie weniger, um das Gewebe nicht zu reizen.
10
Geduld:
Hormone sind langsam
Warum: Eine Dosisänderung bei L-Thyroxin zeigt erst nach 4-6 Wochen volle Wirkung im Blut. Wer nach einer Woche keine Besserung spürt und eigenmächtig erhöht, riskiert Überdosierung.
Wie: Warten und Tagebuch führen.
KONKRET
Hormone sind wie ein großer Tanker, kein Schnellboot. Geben Sie Ihrem Körper Zeit, sich anzupassen. Vertrauen Sie dem Prozess.
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Tablette mit Kaffee:
Wirkungslos
Das Problem: Wer seine L-Thyroxin mit Kaffee oder Milch schluckt, reduziert die Aufnahme um bis zu 40%. Das Medikament bindet an das Calcium oder die Gerbstoffe.
Die Lösung: Nur Wasser.
KONKRET
Trinken Sie die Tablette immer mit einem Glas Leitungswasser. Warten Sie mindestens 30 Minuten bis zum ersten Kaffee.
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Soja zum Frühstück:
Blockade im Darm
Das Problem: Sojaprotein hemmt die Aufnahme von Schilddrüsenhormonen massiv. Wer Sojamilch ins Müsli kippt, braucht oft eine höhere Dosis L-Thyroxin.
Die Lösung: 4 Stunden Abstand.
KONKRET
Verschieben Sie Sojaprodukte auf das Mittag- oder Abendessen. Frühstück sollte sojafrei sein.
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Jod-Panik vs. Exzess:
Die Dosis macht's
Das Problem: Viele meiden Jod komplett aus Angst vor Hashimoto. Aber ohne Jod keine Hormone. Umgekehrt heizen Jodtabletten die Entzündung an.
Die Lösung: Natürliches Jod in Maßen.
KONKRET
Fisch und Milchprodukte sind okay. Jodtabletten und Algenpräparate sind oft zu viel des Guten.
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Zu wenig essen:
Sparflamme
Das Problem: Weil der Stoffwechsel langsam ist, essen viele extrem wenig ("Diät"). Das signalisiert dem Körper Hungersnot, er drosselt die T3-Produktion noch weiter.
Die Lösung: Nährstoffdichte erhöhen.
KONKRET
Essen Sie genug, aber das Richtige (Gemüse, Protein). Hungern macht den Stoffwechsel nur noch langsamer.
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Rohkost-Smoothies:
Goitrogene Bombe
Das Problem: Wer täglich Smoothies mit rohem Grünkohl oder Spinat trinkt, nimmt große Mengen kropfbildender Stoffe auf.
Die Lösung: Dünsten.
KONKRET
Nutzen Sie für Smoothies lieber Feldsalat oder Gurke. Kohl sollte vor dem Verzehr erhitzt werden.
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Eisenmangel ignorieren:
Trotz Tabletten müde
Das Problem: Ferritin (Speichereisen) wird oft nicht gemessen. Ohne Eisen kann das Enzym TPO nicht arbeiten. Die Schilddrüse läuft trotz Jod leer.
Die Lösung: Ferritin checken.
KONKRET
Der Ferritinwert sollte über 50-70 ng/ml liegen. Darunter können Symptome bestehen, auch wenn das Hämoglobin noch normal ist.
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Nur TSH messen:
Das reicht nicht
Das Problem: Ein normaler TSH-Wert schließt eine Umwandlungsstörung (T4 zu T3) nicht aus. Man kann "normale" Werte haben und sich trotzdem krank fühlen.
Die Lösung: fT3 und fT4.
KONKRET
Bestehen Sie beim Arzt auf die Messung der freien Werte (fT3, fT4), um zu sehen, ob das Hormon auch wirklich im Körper ankommt.
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Pille und Hormone:
Bedarf steigt
Das Problem: Östrogene (Anti-Baby-Pille) erhöhen das Bindungseiweiß im Blut. Dadurch steht weniger freies Schilddrüsenhormon zur Verfügung.
Die Lösung: Dosis anpassen.
KONKRET
Wenn Sie mit der Pille beginnen oder aufhören, müssen die Schilddrüsenwerte nach 6-8 Wochen kontrolliert und die Dosis evtl. angepasst werden.
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Stress ignorieren:
Cortisol blockiert
Das Problem: Wer dauernd Stress hat, produziert Cortisol. Cortisol verhindert die Umwandlung in das aktive Hormon T3. Stressmanagement ist wichtiger als jedes Supplement.
Die Lösung: Pausen.
KONKRET
Sehen Sie Entspannung nicht als Luxus, sondern als medizinische Notwendigkeit, damit Ihre Tabletten überhaupt wirken können.
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Aufgeben bei Gewicht:
Es ist Wasser
Das Problem: Viele verzweifeln, weil die Waage trotz Diät nicht runtergeht. Bei Unterfunktion lagert der Körper zuckerartige Stoffe (Glykosaminoglykane) im Gewebe ein, die Wasser binden ("Myxödem").
Die Lösung: Geduld.
KONKRET
Das ist kein Fett! Sobald die Hormone richtig eingestellt sind, verschwinden diese Wassereinlagerungen von selbst. Bleiben Sie dran.