Zöliakie

Dr. Constanze Lohse
über das strikt
glutenfreie Leben

Dr. Constanze Lohse ist Allgemeinärztin in Norderstedt bei Hamburg, spezialisiert auf Prävention, und bekannt als TV-Ärztin und Buchautorin. Sie erklärt, warum bei Zöliakie schon ein einziger Krümel zählt und wie Sie versteckte Glutenquellen im Alltag sicher meiden.
Zöliakie ist keine Allergie und keine Modeerscheinung. Es ist eine Autoimmunerkrankung. Ihre einzige Medizin ist die strikte, lebenslange Meidung von Gluten. Es gibt keine "Ausnahme-Tage".
1
Null Toleranz:
Die Krümel-Grenze
Warum: Schon 20mg Gluten (weniger als ein Krümel Brot!) können bei Zöliakie-Patienten die Dünndarmzotten zerstören, selbst wenn Sie keine direkten Bauchschmerzen spüren. Die Entzündung findet unsichtbar statt und erhöht das Risiko für Folgeerkrankungen.
Wie: 100% glutenfrei, ohne Kompromisse.
KONKRET
Nutzen Sie niemals den gleichen Toaster wie Ihre Familie (außer mit Toastbags). Tauchen Sie kein Messer in die Butter, das vorher normales Brot berührt hat. Trennen Sie glutenfrei und glutenhaltig strikt.
2
Verstecktes Gluten:
Soßen und Gewürze
Warum: Gluten klebt gut. Deshalb wird Weizenmehl oft als Bindemittel in Soßen, Suppen, Gewürzmischungen, Chips oder sogar in Medikamenten verwendet. Es steht nicht immer "Weizen" drauf.
Wie: Lesen Sie jede Zutatenliste. Suchen Sie nach "Gerstenmalz", "Stärke" (unbekannter Herkunft) oder "Weizeneiweiß".
KONKRET
Sojasauce enthält fast immer Weizen! Kaufen Sie nur "Tamari" (glutenfreie Sojasauce). Achten Sie bei Chips auf die Gewürzmischung. Das Symbol "Durchgestrichene Ähre" gibt Sicherheit.
3
Sichere Alternativen:
Reis, Mais, Hirse
Warum: Es gibt viele von Natur aus glutenfreie Getreidesorten. Diese sind oft nährstoffreicher als die glutenfreien Ersatzprodukte (die oft aus Maisstärke bestehen).
Wie: Kochen Sie mit Hirse, Buchweizen, Quinoa, Amaranth, Reis und Kartoffeln.
KONKRET
Hirsebrei ist ein perfektes, warmes Frühstück. Nutzen Sie Buchweizenmehl für Pfannkuchen. Es schmeckt nussig und bindet gut. Achten Sie auch bei diesen Produkten auf das Glutenfrei-Siegel (wegen Ernte-Kontamination).
4
Hafer ist speziell:
Nur mit Siegel
Warum: Hafer ist von Natur aus glutenfrei, wird aber auf dem Feld und in der Mühle oft durch Weizen verunreinigt (Kontamination). Für Zöliakie-Patienten ist normaler Hafer daher tabu.
Wie: Kaufen Sie ausschließlich Haferflocken, die ausdrücklich als "Glutenfrei" gekennzeichnet sind.
KONKRET
Einige Zöliakie-Betroffene reagieren auch auf das Hafer-Protein (Avenin). Testen Sie glutenfreien Hafer erst, wenn Ihre Antikörper-Werte im Blut normal sind, und starten Sie mit kleinen Mengen.
5
Fertigprodukte meiden:
Kontrolle behalten
Warum: Je verarbeiteter ein Produkt, desto höher das Risiko für verstecktes Gluten oder Kontamination in der Fabrik. Panaden, Marinaden und Bindemittel sind die Klassiker.
Wie: Kochen Sie so oft wie möglich frisch.
KONKRET
Vorsicht bei Pommes im Restaurant: Werden sie in demselben Fett frittiert wie die panierten Schnitzel? Wenn ja, sind sie für Sie giftig. Fragen Sie immer nach!
6
Nährstoffmangel:
Eisen und B12
Warum: Durch die Entzündung im Dünndarm sind die Zotten oft abgeflacht. Nährstoffe werden schlecht aufgenommen. Eisenmangelanämie ist oft das erste Symptom einer unerkannten Zöliakie.
Wie: Lassen Sie regelmäßig Blutwerte (Ferritin, B12, Zink, Vitamin D) checken.
KONKRET
Essen Sie eisenreiche Lebensmittel wie rotes Fleisch, Linsen oder Hirse immer zusammen mit Vitamin C (Paprika, Orange), um die Aufnahme zu verbessern.
7
Ballaststoffe:
Mangel ausgleichen
Warum: Viele glutenfreie Ersatzprodukte (Brot, Nudeln) bestehen aus Stärke (Mais, Reis) und enthalten kaum Ballaststoffe. Das führt oft zu Verstopfung.
Wie: Integrieren Sie Flohsamenschalen, Leinsamen und viel Gemüse.
KONKRET
Rühren Sie täglich einen Esslöffel geschrotete Leinsamen oder Flohsamenschalen in Ihren Joghurt. Wichtig: Dazu sehr viel trinken, damit es quillt!
8
Laktoseintoleranz:
Oft nur vorübergehend
Warum: Das Enzym Laktase (für Milchzucker) sitzt an den Spitzen der Dünndarmzotten. Wenn diese durch Gluten zerstört sind, können Sie vorübergehend keine Laktose verdauen.
Wie: Nutzen Sie anfangs laktosefreie Produkte.
KONKRET
Nach einigen Monaten streng glutenfreier Diät regenerieren sich die Zotten oft. Testen Sie dann vorsichtig wieder normale Milchprodukte. Viele Zöliakie-Patienten vertragen sie dann wieder.
9
Küchen-Hygiene:
Der "Tatort" Küche
Warum: Mehlstaub setzt sich überall ab. Holzbretter und Holzlöffel speichern Gluten in den Ritzen. Eine gemeinsame Küche ist die größte Gefahrenquelle.
Wie: Separate Utensilien, gründliche Reinigung.
KONKRET
Nutzen Sie farbige Aufkleber oder Utensilien (z.B. alles Rote ist glutenfrei). Wischen Sie Arbeitsflächen VOR dem Kochen feucht ab. Nutzen Sie für Glutenfreies ein eigenes Sieb (in den Maschen hängt oft Nudelrest).
10
Etiketten lesen:
Der "Kann Spuren enthalten"-Hinweis
Warum: "Kann Spuren von Gluten enthalten" ist eine rechtliche Absicherung der Hersteller. Es bedeutet, dass im selben Werk Weizen verarbeitet wird. Für Zöliakie-Patienten ist das ein Risiko.
Wie: Kaufen Sie bevorzugt Produkte mit dem "Glutenfrei"-Symbol (durchgestrichene Ähre).
KONKRET
Lernen Sie die Zutatenliste zu scannen. Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel, Kamut, Grünkern sind immer fettgedruckt (Allergene). Wenn diese fehlen, ist das Produkt theoretisch sicher, aber das Siegel gibt 100% Sicherheit.
1
Restaurant-Besuch:
Chef-Karte nutzen
Warum: Im Restaurant lauert die Gefahr der Kreuzkontamination. Köche wissen oft nicht, dass Mehl zum Bestäuben von Fleisch das Gericht kontaminiert.
Wie: Rufen Sie vorher an oder nutzen Sie die "Bitte an den Koch"-Karte der DZG.
KONKRET
Fragen Sie explizit: "Werden die Pommes in derselben Fritteuse gemacht wie die Schnitzel?" Wenn ja: Nicht essen!
2
Reisen:
Vorbereitung ist alles
Warum: Im Ausland können Sprachbarrieren gefährlich werden. Nicht überall ist das Bewusstsein für Zöliakie hoch.
Wie: "Gluten-Free Travel Cards" in der Landessprache ausdrucken.
KONKRET
Packen Sie einen Notvorrat an glutenfreiem Brot und Snacks ("Survival Kit") in den Koffer, falls Sie am ersten Tag nichts finden. Buchen Sie Apartments mit Küche, um selbst zu kochen.
3
Kosmetik:
Lippenstift & Zahnpasta
Warum: Alles, was den Mund berührt, kann verschluckt werden. Gluten in Hautcreme ist meist egal (kommt nicht ins Blut), aber auf den Lippen ist es gefährlich.
Wie: Inhaltsstoffe prüfen (Triticum = Weizen).
KONKRET
Nutzen Sie glutenfreie Lippenpflege, Lippenstift und Zahnpasta. Achten Sie auf Inhaltsstoffe wie "Wheat Germ Oil" oder "Barley".
4
Medikamente:
Weizenstärke als Füllstoff
Warum: Tabletten enthalten Hilfsstoffe. Manchmal wird Weizenstärke verwendet. Für Zöliakie-Patienten kann das bei Dauereinnahme problematisch sein.
Wie: Apotheker fragen.
KONKRET
Bitten Sie den Apotheker, die "Leichte Liste" der DZG zu prüfen oder den Beipackzettel auf Weizenstärke zu kontrollieren. Maisstärke ist okay.
5
Familien-Organisation:
Der "glutenfreie Schrank"
Warum: Wenn die Familie weiter Gluten isst, ist die Verwechslungsgefahr hoch. Mehlstaub rieselt nach unten.
Wie: Glutenfrei immer OBEN.
KONKRET
Lagern Sie Ihre glutenfreien Lebensmittel im Vorratsschrank im obersten Fach. So können keine glutenhaltigen Krümel von oben hineinfallen.
6
Stress-Management:
Darm-Hirn-Achse
Warum: Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung. Stress kann Schübe triggern oder Symptome verschlimmern, auch wenn die Diät stimmt. Der Darm reagiert sensibel auf Psyche.
Wie: Entspannungstechniken.
KONKRET
Integrieren Sie Yoga oder Meditation in den Alltag. Das senkt das Entzündungslevel im Körper.
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Nachsorge:
Werte kontrollieren
Warum: Sie müssen wissen, ob die Diät funktioniert und sich der Darm erholt. Manchmal verstecken sich Diätfehler.
Wie: 1x jährlich Blutabnahme.
KONKRET
Lassen Sie die "Transglutaminase-Antikörper" (tTG-IgA) messen. Sie sollten bei strikter Diät nicht mehr nachweisbar sein.
8
Knochengesundheit:
Osteoporose-Risiko
Warum: Durch die jahrelange schlechte Aufnahme von Calcium und Vitamin D haben Zöliakie-Patienten oft schwächere Knochen.
Wie: Knochendichtemessung und Calcium.
KONKRET
Trinken Sie calciumreiches Mineralwasser und lassen Sie Ihren Vitamin-D-Spiegel checken.
9
Kommunikation:
Keine falsche Scham
Warum: "Bist du auf Diät?" - solche Fragen nerven. Aber Klarheit schützt Sie. Sagen Sie nicht "Ich vertrage das nicht so gut", sondern "Ich werde davon krank".
Wie: Selbstbewusst auftreten.
KONKRET
Erklären Sie Freunden einmalig und deutlich: "Es ist keine Mode, es ist eine Autoimmunerkrankung. Ein Krümel schadet mir."
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Austausch:
DZG-Mitgliedschaft
Warum: Alleine kämpfen ist schwer. Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG) bietet Listen mit sicheren Lebensmitteln und Tipps.
Wie: Vernetzen Sie sich.
KONKRET
Werden Sie Mitglied. Die dicken Bücher mit Produktlisten sind der sicherste Einkaufsbegleiter, den es gibt.
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"Ein bisschen schadet nicht":
Doch, tut es!
Das Problem: Viele denken, eine Ausnahme am Geburtstag sei okay. Falsch. Jede Glutenaufnahme löst eine Entzündung aus, die Wochen anhält und das Krebsrisiko erhöht.
Die Lösung: Null Toleranz.
KONKRET
Bleiben Sie hart. Es gibt keine "Cheat Days" bei Zöliakie.
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Dinkel ist Weizen:
Urvater-Irrtum
Das Problem: Oft wird geglaubt, Urkorn (Dinkel, Emmer, Einkorn) sei verträglicher. Das gilt vielleicht für Reizdarm, aber NICHT für Zöliakie. Dinkel enthält sogar oft mehr Gluten als Weizen.
Die Lösung: Finger weg.
KONKRET
Meiden Sie alles, was botanisch zum Weizen gehört: Dinkel, Grünkern, Kamut, Emmer.
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Bier trinken:
Gerstenmalz
Das Problem: Normales Bier wird aus Gerstenmalz oder Weizenmalz gebraut. Beides enthält Gluten.
Die Lösung: Glutenfreies Bier.
KONKRET
Kaufen Sie nur Bier mit dem Symbol der durchgestrichenen Ähre. Oder trinken Sie Wein (von Natur aus glutenfrei).
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Croutons runterpulen:
Zu spät
Das Problem: Wenn der Salat mit Croutons kommt, reicht es nicht, sie runterzunehmen. Die Krümel sind im Salat verteilt. Der Salat ist kontaminiert.
Die Lösung: Neu bestellen.
KONKRET
Schicken Sie den Salat zurück. Es ist Ihre Gesundheit. Erklären Sie freundlich, dass es eine medizinische Notwendigkeit ist.
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Pommes aus der Fritteuse:
Fett-Falle
Das Problem: Kartoffeln sind glutenfrei. Aber wenn im gleichen Fett vorher Kroketten oder panierte Schnitzel waren, sind die Pommes kontaminiert.
Die Lösung: Fragen.
KONKRET
Essen Sie Pommes nur, wenn das Restaurant bestätigt, dass sie eine separate Fritteuse nur für Pommes haben.
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"Weizenfrei" glauben:
Das reicht nicht
Das Problem: Produkte, die als "weizenfrei" beworben werden, können Roggen, Gerste oder Dinkel enthalten. Alle enthalten Gluten.
Die Lösung: "Glutenfrei".
KONKRET
Suchen Sie nur nach dem Wort "Glutenfrei" oder dem Symbol. "Weizenfrei" ist für Allergiker, nicht für Zöliakie.
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Toaster teilen:
Krümel-Gefahr
Das Problem: Wenn Sie Ihr glutenfreies Brot in den Familientoaster stecken, haften Weizenkrümel daran. Das reicht für einen Darmschaden.
Die Lösung: Toastbags.
KONKRET
Kaufen Sie hitzebeständige "Toastbags" (wiederverwendbare Taschen), in die Sie Ihr Brot stecken, bevor es in den Toaster kommt. Oder kaufen Sie einen eigenen Toaster.
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Seitan essen:
Pures Gluten
Das Problem: Viele vegetarische Fleischersatzprodukte basieren auf Seitan. Seitan IST Weizengluten. Es ist das absolute Gift für Zöliakie-Patienten.
Die Lösung: Tofu oder Erbsenprotein.
KONKRET
Nutzen Sie Fleischersatz auf Soja-, Erbsen- oder Lupinenbasis. Lesen Sie bei Veggie-Burgern immer genau nach.
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Cornflakes:
Malz-Aroma
Das Problem: Mais ist glutenfrei. Aber fast alle herkömmlichen Cornflakes enthalten Gerstenmalzextrakt für den Geschmack. Gerste enthält Gluten.
Die Lösung: Glutenfreie Cornflakes.
KONKRET
Kaufen Sie Cornflakes nur, wenn "glutenfrei" draufsteht. Normale Markenprodukte sind meist tabu.
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Diagnose ohne Gluten:
Test verfälscht
Das Problem: Wenn Sie sich schon glutenfrei ernähren, bevor der Arzt Blut abnimmt oder eine Biopsie macht, sind die Ergebnisse falsch negativ.
Die Lösung: Gluten essen vor dem Test.
KONKRET
Sie müssen vor der Diagnose wochenlang Gluten essen ("Glutenbelastung"), damit die Antikörper nachweisbar sind. Stellen Sie die Ernährung erst NACH der sicheren Diagnose um.